Rückenwind nicht nur für die Berliner

Auftritt mit Forderungen: Berliner Musikschullehrer*innen vor der Kongresshalle am Alex
Foto: Christian von Polentz

„Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“, schrieb Friedrich Nietzsche schon 1889. „Ohne Musik wäre die Gesellschaft längst kollabiert“ lautete ein bejubelter Satz des Jenaer Soziologen Hartmut Rosa auf dem Kongress des Verbandes der Musikschulen vom 17. bis 19. Mai in der Kongresshalle am Alexanderplatz. Das Programm bot neben Arbeitsgemeinschaften zu unterschiedlichsten Bereichen zwei interessante Plenumsvorträge und diverse Themenforen. Umrahmt wurde es von den zwölf Berliner Musikschulen. Deren Situation war Thema einer Podiumsdebatte.

„Hervorragend“ bewertete Annette Breitsprecher der Plenumsvortrag von Soziologieprofessor Hartmut Rosa „Musik als zentrale Resonanzsphäre der Gesellschaft“, der in der These vom gesellschaftlichen Kollaps ohne Musik gipfelte. Zentrale Aufgabe von Musikschule sei demnach, Sinn für Selbstwirksamkeit herzustellen und zu stärken. „Der Vortrag lieferte herausragend gutes Argumentationsmaterial, warum das, was wir tun, nicht ‚nice to have‘, sondern von existentieller Bedeutung für die Gesellschaft ist“, so die Vize-Vorsitzende des ver.di-Landesfachgruppenvorstands Musik Berlin-Brandenburg, die auch dem Bundesfachgruppenvorstand angehört.

In seiner Eröffnungsrede hatte der VdM-Bundesvorsitzende Ulrich Rademacher betont: „Wenn wir Musik teilen, gewinnen wir Menschen. Teilen ist aber auch ganz praktisch eine Frage von Ressourcen, von pädagogischer Kompetenz, von Ausbildung und Praxis. Wir Musikschulen können nur teilen im Sinne unseres Bildungsauftrages, wenn unser Personal wertgeschätzt und anständig vergütet wird.“ In Bezug auf die Wahl des Ortes erklärte er: „Der Kongress ist eine Solidaritätsadresse an unsere Berliner Musikschulen, die haben Sehnsucht nach Rückenwind. Mit gutem Willen von vielen könnte sich hier einiges schnell in die richtige Richtung bewegen.“

Musikschule als kulturelles Fundament

Tatsächlich erklärte der Berliner Kultursenator Klaus Lederer Kultur zur zentralen Ressource der Stadt. „Zweck von Politik muss immer ein mehr an Kultur sein“, sagte er. Musikschule gehöre zu den kulturellen Fundamenten. Was sollen Musikschulen tun, wie sollen sie es tun und was benötigen sie dafür? müsse fachlich diskutiert und politisch beantwortet werden.

Am Kongresssonntag wurde ein spezielles Themenforum „Berliner Musikschulentwicklung – Eine Zwischenbilanz“ veranstaltet. „Hier gab es im Vorfeld großen Unmut im ver.di-Landesfachgruppenvorstand, da wir als ein nach unserer Selbsteinschätzung durchaus wichtiger Akteur und angesichts unseres Beitrags zum bisher Erreichten für angemessen gehalten hätten, auch auf das Podium geladen zu werden“, so Annette Breitsprecher. Man hätte sich gewünscht, ein Stückweit als strategischer Partner verstanden zu werden, da es ver.di nicht nur um Eigeninteressen der Berliner Lehrkräfte, sondern auch um der Sache Musikschule gehe. Letztlich seien die ver.di-Forderungen nach Honorarerhöhung, einem Tarifvertrag für die Freien und nach zusätzlichen Stellen aber von mehreren Podiumsteilnehmer*innen unterstützt und als dringlich bezeichnet worden. Einig schien man sich auch in der positiven Bewertung des Richtungswechsels von dauerndem Abbau zu Aufbau. Der Pankower Musikschulleiter Chris Berghäuser beklagte allerdings, es gehe in Berlin immer „maximal bis zum Wort soll“, Verantwortung übernehme letztlich niemand. Nach Meinung von Landesmusikratspräsidentin Hella Dunger-Löper werde die Musikschularbeit in den Berliner Bezirken sehr unterschiedlich bewertet, es sei „unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass der Stellenwert steigt“.

ver.di-Stand auf dem Kongress des Verbandes der Musikschulen
Foto: Christian von Polentz

Und Musik ist Arbeit

ver.di-Mitglieder der FG Musik Berlin-Brandenburg hatten bereits am Freitag vor Kongressbeginn sichtbar und hörbar auf ihre Situation aufmerksam gemacht. An allen Kongresstagen war ver.di mit einem Stand vertreten. Dort ausliegende Materialien wurden gern angenommen. „Auch die Broschüren über die Situation der Berliner Honorarkräfte, obwohl ja sehr Berlin-spezifisch, waren gefragt. Nach den Buttons ‚Musik ist Arbeit‘ fragte sogar Leitungspersonal“, so die Erfahrungen von ver.di-Landesfachbereichsleiter Andreas Köhn als Standbetreuer.

Die zwölf Berliner Musikschulen waren auch während des Kongresses aktiv und begeisterten die Kongressteilnehmer mit einem hervorragenden musikalische Rahmenprogramm, an dem Ensembles aller Schulen beteiligt waren. Am 18. Mai, dem „Tag der Berliner Musikschulen“ gestalteten sie unter dem Motto „Klingender Alex“ außerdem ein Open-Air-Programm.

Für Gewerkschafterin Annette Breitsprecher ist dem VdM insgesamt „großer Dank zu zollen für die Durchführung des Kongresses in Berlin“. Sie sieht die Veranstaltung als Unterstützung für das gemeinsame Anliegen Musikschule. Ein Grundproblem blieb für sie jedoch offen: Viele, für die der Kongress bedeutsam wäre, konnten daran nicht teilnehmen: Freie Mitarbeiter*innen blieben weitgehend außen vor, da eine Teilnahme für sie kaum finanzierbar war. Kongressgebühr, Anreise, Übernachtung und Verdienstausfall summierten sich zu einem erheblichen Posten. Eine Frage wäre aus ihrer Sicht: „Hat der VdM bisher schon versucht, Möglichkeiten der Unterstützung zu finden, oder kann er künftig etwas tun, dass mehr Freie teilnehmen können?“

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