Musikschule braucht noch mehr Verbündete

Konzentriertes Arbeiten auf der 5. Bundeskonferenz der ver.di-Fachgruppe Musik
Foto: Christian von Polentz

Die Schwerpunkte in der Arbeit der ver.di-Bundesfachgruppe Musik der vergangenen Jahre waren im Bericht klar herausgearbeitet: Tarifarbeit, Analyse und Auswege aus der Prekarisierung des Berufsstandes, speziell bei Honorarkräften und Lehrbeauftragten, Öffentlichkeitsarbeit und Vernetzung, gewerkschaftliche Perspektiven der Fachgruppe. Diese Themen prägten auch die Debatte der Bundesfachgruppenkonferenz am 26. und 27. Januar 2019 in Berlin. Strategische Überlegungen dominierten.

Wichtiger Input für die perspektivische Entwicklung kam zunächst von außen: Christoph Schmitz, der designierte Leiter des geplant großen neuen ver.di-Bereichs A, stellte sich und perspektivische Überlegungen vor. In den dramatischen Branchenveränderungen, wo Grenzen bei der Produktion und damit zwischen Berufen und Beschäftigungsverhältnissen aufweichen, sah er Herausforderungen und Chancen: Die breitere Aufstellung des Fachbereiches, wo Medien , Kunst und Industrie künftig gemeinsam mit Finanzdienstleistungen, Telekommunikation sowie Ver- und Entsorgung vertreten sind, lasse die Rolle der Kunstfachgruppen eigentlich sogar wachsen: Sie stünden nicht nur für wichtige ästhetische und pädagogische Kompetenzen, sondern hätten gesellschaftspolitische Bedeutung. Im engeren Sinne gehe es um die Interessenvertretung festangestellter Musiklehrer*innen und von Honorarkräften, es gehe aber auch um „Mehrheiten für verlässliche Kunstfinanzierung generell“. Die ver.di-Festlegung, dass die Fachgruppen als Ort der Identifikation und des fachlichen Austauschs erhalten und entwickelt werden sollen, stärke ihre Position, erhöhe aber auch die Anforderungen – etwa, wenn es um „Modelle für neue Arten der Ansprache auch in der Mitgliedergewinnung geht“.

Bildung oder bloßes Trainieren von Fertigkeiten?

Welche Anforderungen an „Muße, Reflektion und Selbstfindung“ sich aus der aktuellen Situation des Musikschulunterrichts ergeben, fragte anschließend Prof. Dr. Jürgen Oberschmidt von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg in einem Fachvortrag. Aktuelle wirtschaftliche und technologische Entwicklungen verstärkten den Trend, Musikschule vorrangig als „Unternehmen“ denn als Ort ästhetischer Bildung zu sehen, der sich neoliberalem Effizienzdenken entziehe. Die Gefahr: schnödes „Etüden-Üben überwiegt, das eigentliche Musizieren findet woanders statt“, so die These des Didaktikers. Musikschullehrer*innen würden nicht angemessen entlohnt und wertgeschätzt.

Dr. Anja Bossen und Prof. Dr. Jürgen Oberschmidt gaben fachliche Anregungen.
Foto: Christian von Polentz

Was folgt aus einer solchen Analyse für die Arbeit der Fachgruppe Musik? Dr. Anja Bossen (Berlin-Brandenburg) schloss fundierte Überlegungen an, welche Chancen für gewerkschaftliches Handeln aus der Vermischung musikbezogener Berufsbilder erwachsen. Ein „Weiter wie bisher“ gehöre auf den Prüfstand. „Größtmögliche Offenheit“ bei der Zusammenarbeit mit Schulmusikern und anderen Verbündeten forderte etwa Annette Breitsprecher (Berlin-Brandenburg). Es gehe um die „ästhetische Bildung als gemeinsames Ziel, weniger um die Verteidigung von Pfründen“. Michael Große-Hovest (NRW) warnte vor einer fachlichen Einengung auf eine reine „Musikschullehrergewerkschaft“; Martin Ehrhardt (NRW) sah die Notwendigkeit, sich breiter aufzustellen, schon dadurch gegeben, dass es bundesweit immer weniger festangestellte Musikschullehrer gibt. Die „soziale Sicherung“, auch im Alter, sah Brunhild Fischer (Sachsen/Sachsen-Anhalt/Thüringen) als „kleinsten gemeinsamen Nenner“, der auch Soloselbständige oder andere Verbündete einbeziehe.

Hatte den Ablauf im Griff: Konferenzleitung mit Petra Stalz, Uwe Schmidt und Gabor Scheinpflug (v.r.n.l.).
Foto: Christian von Polentz

Vordringliche Aufgabe bleibe es, „die Mitglieder, die wir haben, zu pflegen und ihnen Erfolgserlebnisse zu schaffen“, erinnerte Katrin Steinbach (Hamburg). So seien „ganz pragmatisch gesehen“ auch die Eltern der Musikschüler*innen wichtige Verbündete. Das treffe gleichfalls auf potenzielle künftige „Kollegen“ zu. Man müssen in die Musikhochschulen hineingehen und Studenten informieren, diese wüssten in der Regel „gar nichts“, berichtete Petra Stalz (NRW) mit Erfahrungen aus Detmold. Sich „Gedanken über die eigene Identität zu machen, sich aber auch zu vernetzen und Synergien zu nutzen“, forderte Stefan Gretsch (bisheriger Vorsitzender, Berlin-Brandenburg). Mit Streiks und anderen Aktionen öffentliches Bewusstsein dafür zu wecken, dass Forderungen von Musikschullehrer*innen berechtigt sind, mahnte Uwe Schmidt (Hessen) an. Ob es wichtiger sei, Verbündete „von unten“ zu finden oder „oben“ politische Entscheidungsträger zu überzeugen, fragte Anja Bossen. „Oder schaffen wir beides?“

Prioritäten angesichts vielfältiger Aufgaben

Wünsche und Anforderungen an ver.di wurden ebenfalls debattiert. Hilfe in Fragen der Tarifpolitik, wo Musikschulen als „freiwillige Einrichtungen“ in der Regel schlechte Karten haben, sah Petra Stalz nötig. Sie erwartete zudem „fundierte Rechtsberatung“ und Schlussfolgerungen aus den höchstinstanzlichen Urteilen zu Status und Beschäftigung von Musikschullehrern, die zuletzt Hoffnungen der Fachgruppe auf Klagemöglichkeiten trübten. Es ginge auch um Geld und hauptamtliche Unterstützung als Voraussetzung für ehrenamtliches Engagement, ergänzte Stefan Gretsch.

Der langjährige Bundesfachgruppenvorsitzende gab der Konferenz zusätzliche Erläuterungen zum Bericht. Die Mitgliederentwicklung sei stabil, müsse dennoch verbessert werden. Schwerpunktarbeit, wie bei der Honorarkräftekampagne, sei der richtige Weg, solle aber auf breitere Schultern verlagert werden, erklärte er. Das sei nötig, um künftige Anforderungen etwa durch die Digitalisierung erfüllen, aber auch sinnvolle internationaler Vernetzung zu gewährleisten. In der Aussprache dazu wurde von Michael Große-Hovest nach künftigen Kompetenzen der Fachgruppe gefragt. Die Reduktion auf eine „bloße Musikschul-Fachgruppe“ wollten Elisabeth Müller (Rheinland-Pfalz-Saar) verhindert wissen. Gabor Scheinpflug (Sachsen/Sachsen-Anhalt/Thüringen) bekräftigte: „Reine Berufsprofile gibt es nicht mehr“, das gelte umso mehr für den Berufsnachwuchs. Daraus erwüchsen vielfältige Aufgaben, doch sei angesichts der Ressourcen „Prioritätensetzung nötig“. Den Platz der Fachgruppe in ver.di neu zu definieren und auszufüllen, sei wesentliche Aufgabe des neuen Vorstandes, aber auch aller Mitglieder. Beispiele für kreative Aktionen, die „groß aussehen, viel Fläche verbrauchen und Aufmerksamkeit garantieren“, doch mit relativ wenig Personal zu stemmen seien, gab Martin Ehrhardt (NRW).

Anerkennung für ausscheidende Vorstandmitglieder: Gabor Scheinpflug (r.) dankt Angelika Jähn (l.) und dem langjährigen Vorsitzenden Stefan Gretsch (Mitte).
Foto: Christian von Polentz

Da vier der bisherigen Mitglieder des Fachgruppenvorstands aus Alters- oder anderen Gründen aus dem Gremium ausscheiden, war die Entlastung des Gremiums mit ausführlicher Würdigung verbunden. Die Vorstandsmitglieder Petra Stalz und Gabor Scheinpflug richteten sehr persönliche Dankesworte an ihre Kollegen und übergaben kleine Geschenke. Stefan Gretsch, der von „Wehmut und Erleichterung gleichermaßen“ sprach, schloss sich an.

Arbeitsaufträge und Wahlen

Die Konferenz kürte anschließend in geheimer Wahl einen neuen Fachgruppenvorsitzenden. Gabor Scheinpflug (Sachsen-Anhalt) erhielt das Vertrauen der Delegierten mit lediglich einer Gegenstimme. Er wurde auch für den ver.di-Bundesfachbereichsvorstand nominiert. Für die vier weiteren Vorstandsämter kandidierten fünf Kolleginnen und Kollegen. Die Delegierten entschieden sich klar für Annette Breitsprecher (Berlin), Franziska Gröpl (NRW), Martin Ehrhardt (NRW) und Beate Schweisfurth (Baden-Württemberg). Franziska Gröpl und Beate Schweisfurth sollen die Fachgruppe Musik als Delegierte auf der Bundesfachgruppenkonferenz vertreten.

Gewählt und entschieden.
Foto: Christian von Polentz

Die Teilnehmer hatte am ersten Konferenztag einstimmig eine Resolution zur Unterstützung der Musikschulkolleg*innen in Ostsachsen angenommen. Sie erklärten sich solidarisch mit dem bereits eineinhalb Jahre währenden und immer wieder mit Streiks verbundenen Kampf um einen Tarifvertrag für die Kreismusikschule Dreiländereck, der mit dem Landkreis Görlitz ausgehandelt werden soll.

Den Delegierten lag ein Antrag vor, der sich mit der umfassenden sozialen Sicherung für Soloselbstständige befasst. Er wurde einstimmig angenommen. Aus den Reihen der Delegierten war zudem kurzfristig ein umfangreiches Papier mit Vorschlägen und Überlegungen vorgelegt worden. Da es den Anforderungen an Initiativanträge nicht genügte, wurde es dem neuen Vorstand als Arbeitsmaterial übermittelt.

Es habe viele Anregungen, strategische Überlegungen und konkrete Arbeitsaufträge gegeben, sagte der neue Fachgruppenvorsitzende Gabor Scheinpflug in seinem Schlusswort. „Wir werden neue Potenziale erschließen, uns auf allen möglichen Ebenen vernetzen und Verbündete suchen“, versicherte er. „Je breiter wir uns aufstellen, desto größer unsere Chancen.“

Vier von Fünf: Martin Ehrhardt, Vorsitzender Gabor Scheinpflug, Annette Breitsprecher und Franziska Gröpl (v.l.n.r.) bilden mit Beate Schweisfurth den neuen Vorstand der ver.di-Bundesfachgruppe Musik.
Foto: Christian von Polentz

 

 

 

 

nach oben

weiterlesen

Ein Plädoyer gegen die Bescheidenheit

Regine Möbius, die bislang erste und einzige Kulturbeauftrage von ver.di, hatte ihr Amt seit 2007 inne. Nun will sie – die 75 hat sie unglaublicherweise schon durchschritten – den Auftrag in jüngere Hände geben. Auf dem ver.di-Bundeskongress soll neu gewählt werden. Die Kunstfachgruppen haben sich auf Dr. Anja Bossen als Kandidatin geeinigt. Beide – die Schriftstellerin und die Musikerin und Musikpädagogin – haben sich inzwischen getroffen und Erfahrungen ausgetauscht. Nun mischten auch wir uns ins Gespräch.
mehr »

In Mettmann siegten Musik und Vernunft

Erfolg an der Musikschule der Kreisstadt Mettmann in Nordrhein-Westfalen: Pläne der Kommune, die Verträge von etwa drei Viertel der angestellten Lehrkräfte zu kündigen und sie stattdessen auf Honorarbasis zu beschäftigten, sind nach konzertierten Protesten in den vergangen Monaten mit einem neuen Beschluss der Stadtverordneten weitgehend vom Tisch.
mehr »

Rückenwind nicht nur für die Berliner

„Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“, schrieb Friedrich Nietzsche schon 1889. „Ohne Musik wäre die Gesellschaft längst kollabiert“ lautete ein bejubelter Satz des Jenaer Soziologen Hartmut Rosa auf dem Kongress des Verbandes der Musikschulen vom 17. bis 19. Mai in der Kongresshalle am Alexanderplatz. Das Programm bot neben Arbeitsgemeinschaften zu unterschiedlichsten Bereichen zwei interessante Plenumsvorträge und diverse Themenforen. Umrahmt wurde es von den zwölf Berliner Musikschulen. Deren Situation war Thema einer Podiumsdebatte.
mehr »

Um Quereinsteiger und Grundversorgung

Im umfangreichen Veranstaltungsprogramm der Leipziger Buchmesse 2019 spielte auch die Musik mit. Neben einem speziellen „Musiklehrertag“ am 22. März, wo Verlage entsprechendes Buchangebot vorstellten und mit Übungen und Workshops verbanden, gab es zwei Debatten, auf denen ver.di-Positionen vertreten wurden: Zunächst eine von der ConBrio Verlagsgesellschaft moderierte Kontroverse im Musikcafé in Halle 4 um „Quereinsteigen in den Lehrerberuf“.
mehr »