Bald Kulturhauptstadt – zu welchem Preis?

Vielfarbiger offizieller Jubel. Screenshot: www.n2025.eu

In Nürnberg jubelte kurz vor Weihnachten die komplette Stadtverwaltung: Im Rennen um jene Kommune, die Deutschland im Jahr 2025 als „Europäische Kulturhauptstadt“ repräsentieren soll, hat es die Frankenmetropole auf die „Shortlist“ geschafft. Doch was haben die Kreativen davon, die Kunst und Kultur schaffen, sollte die Nürnberger Bewerbung als „N2025“ am Ende tatsächlich erfolgreich sein?

Bei Nürnbergs Kulturreferentin Prof. Julia Lehner (CSU)„hält der hohe Adrenalinspiegel noch lange an“ nach der Juryentscheidung, N2025 in Runde Zwei des Bewerbungskampfes zu lassen. Doch was heißt schon Shortlist? Von anfangs acht Städten hat die Jury nun gerade mal drei aussortiert. Darunter auch Zittau, die „Kulturhauptstadt der Herzen“ und Gera. Dass die kleinsten aller Bewerberinnen ausgesiebt wurden, verstand schon deshalb kaum jemand im ganzen Land.

Die Nürnberger Bewerbung sei „mit einem Haufen Klischees“ vorgetragen worden: „Lebkuchentruhe, Spielzeug, Hitlerzwerg – es hat wie am Schnürsenkel geklappt. Unsere europäische Relevanz zieht sich wie ein Roter Faden durch unser Bid Book. Viele Fragen kamen zum Reichsparteitagsgelände, das Detailwissen bei der Jury war vorhanden“, erinnert sich Lehner mit Blick auf das 60seitige Bewerbungsbuch und die Vorauswahl durch die Kulturstiftung der Länder. Die Kulturchefin der Stadt beschwört „ein wuchtiges Erlebnis, als Nürnberg für die Shortlist genannt wurde“.

Diese Begeisterung kann Willi Nemski nicht mittragen. Der selbstständige Grafik-Designer und Fotograf ist gewählter Sprecher der Selbstständigen des ver.di-Bezirks Mittelfranken. Dieser Selbstständigenrat hatte kurz vorher nach langer Diskussion „Positionen und Forderungen zur Kulturpolitik“ aufgestellt und öffentlich gemacht.

Die beziehen sich zwar nicht nur auf Nürnberg, sondern auf die ganze „Europäische Metropolregion Nürnberg“. Doch auch das N2025-Bewerbungsbüro betont immer wieder die Einbindung der Region. Deshalb ist zumindest der Zielraum der Kulturhauptstadt-Bewerbung mit dem der kulturpolitischen ver.di-Positionen fast deckungsgleich. „Kultur darf sich nicht auf die künstlerische Bespaßung Privilegierter beschränken“, heißt es dort mit Blick auf die Kulturhauptstadtambitionen. Gefordert werden Transparenz bei der Vergabe von Aufträgen mit Kunstbezug sowie „die Anerkennung branchenspezifischer Vergütungen, basierend auf Tarifverträgen und Vergütungsempfehlungen“.

Völlig anders dagegen scheinen derzeit die offiziellen Vorstellungen, wenn es um die Bezahlung kreativer Leistungen geht. Und zwar nicht nur im Zusammenhang mit N2025, sondern ganz allgemein. Von Bewerbungsbüroleiter Prof. Hans-Joachim Wagner ist immer wieder nur ein pauschales „Wir vergüten ausreichend“ zu hören. „Aber wenn, wie jüngst bei einem Musikfestival, 100 Euro pro Auftritt bezahlt werden, dann ist das beileibe nicht kostendeckend und angemessen“, erklärt Willi Nemski. Außerdem gebe es ja bereits jetzt ein klares Zeichen: N2025 setze auf billige Freiwillige, nicht auf Menschen, die von Kunst und Kultur leben müssen.

Nemski ist gewählter Vertreter mehrerer hundert solo-selbstständiger ver.di-Mitglieder in Mittelfranken, überwiegend aus dem Kreativbereich. Deshalb kann er nur schwer verstehen, wenn bei einer Podiumsdiskussion zur Kulturhauptstadt-Situation als Vertreterin der „Freien Szene“ eine bei der Stadt Nürnberg Beschäftigte auf der Bühne sitzt. „Menschen, die von ihrer Kreativität, von Kunst, von Kultur leben, scheinen außen vor bei dieser ganzen Bewerbung“, so Nemski.

Willi Nemski, Sprecher des Selbstständigenrat Nürnberg von ver.di, übergab das Positionspapier an Kulturreferentin Prof. Julia Lehner.
Foto: Heinz Wraneschitz

Zwar gelang es ihm, vor besagter Diskussion Kulturreferentin Lehner das Kulturpolitik-Papier des Selbstständigenrats zu übergeben. Doch als er an das Podium die Honorarfrage stellte, die für Tausende im aktuellen Kulturwirtschaftsbericht der Metropolenregion aufgeführte Kreative am Existenzminimum wesentlich ist, wies Bewerbungschef  Wagner diese „mit aller Vehemenz zurück“. Auch Philipp Zerweck, der als Sprecher einer selbsternannten Bürgerinitiative „NUE2025“ auf dem Podium saß, winkte ab. Sein Argument: Kultur sei „sehr viel mehr als bezahlte Künstler“.

Trotz dieser Abweisung setzen Mittelfrankens selbstständig-kreativen ver.di-Mitglieder darauf, „dass sich in nächster Zeit Gesprächsmöglichkeiten ergeben“, so Willi Nemski. „Wenn nicht über das Bewerbungsbüro N2025, dann über die gewählten BürgervertreterInnen“, also die Mitglieder im Nürnberger Stadtrat.

 

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