Längst noch kein Ende der Bescheidenheit

VS-Kongress-Werbung überall in der Stadt, auch vor dem Aschaffenburger Schloss Foto: Bert Bostelmann

Mit der Gründung des Verbandes der Schriftsteller (VS) 1969 organisierten sich Einzelgänger*innen, um gemeinsame Interessen durchzusetzen. „Seit 50 Jahren stehen der VS und die Bundessparte der Übersetzer*innen für einen Zusammenschluss der Kreativen – die eben nicht ‚allein‘ sind“, heißt es im Glückwunsch von Gewerkschafts-Vize Frank Werneke an den Berufsverband unter dem Dach von ver.di. Der VS feierte vier Tage lang in Aschaffenburg: Mit Festakt und Rückblick, mit Lesungen und Delegiertenkonferenz, aber auch mit zukunftsweisender Debatte: Literatur unter Strom.

Aschaffenburg – eine Kulturstadt, wie der Oberbürgermeister nicht nur in Reden versicherte – erwies sich als Glücksfall für den VS-Kongress, der erstmals seit 2005 wieder mit einem umfangreichen kulturpolitisch-literarischen Rahmenprogrmm versehen war. Die Stadt und ihre Einwohner waren nicht nur gute Gastgeber und schufen Bedingungen, sie taten auch aktiv mit.

In Erwartung einer Texteschlacht: Der vollbesetzte Saal im Stadttheater
Foto: Nehrlich

Gut oder doch schon optimal?

Poetry Slam zum Auftakt. Sehr häufig, so der Eindruck, scheinen sich VS-Mitglieder und das nicht mehr ganz junge „niederschwellige Kulturformat“ zeitgemäßen Dichterwettstreits noch nicht begegnet zu sein. Doch ernsthaftes Fremdeln gab es nicht: Das Stadttheater rappelvoll, lässt sich das aus Einheimischen und Kongressteilnehmern gemischte Publikum sofort von der Stimmung einfangen, nachdem Slam-Master Enrico Josche alias Jean Rico die Regeln erklärt hat: 7 Minuten 30 hat jede/r Akteur*in für den Vortrag eines eigenen Textes mit literarischen Anspruch, frei von jeglichen Hilfsmitteln wie Kostüm oder Requisiten. 400 Zuschauer*innen sind zur Wertung mit Punkten zwischen 1 und 10 aufgerufen, beim Finale der drei Besten soll dann der Applaus entscheiden. Als „Eisbrecher“ außer Konkurrenz heimst der Konstanzer Marvin Suckut mit einem Vortrag zum Wert kreativer Arbeit schon viele Punkte von der Publikumsjury ein, jedenfalls mehr als der Stuttgarter Nikita Gorbunov, der „Mein Mikrophon“ preist, in der ersten echten Wertung. Der Berliner Michael-André Werner, der Zauber-Visionen durchspielt, lässt die Wertung wieder steigen, die folgenden Akteure Hank Flemmig aus „dem Erzgebirge“, der Erfurter Flemming Witt sowie der Münchner Jaromir Konecny punkteten ähnlich hoch. Allerdings beginnt sich das Publikum spätestens hier zu fragen, was die Vorträge – etwa zu männlicher Verhütung, wenig gelungener Anmache und gelungener Integration – mit dem Thema «Big Brother is watching you» zu tun haben sollten. Die Hamburgerin Kübra Böler erinnert daran, indem sie „Was hat das Digitale mit uns gemacht?“ fragt. Mehr Punkte dürften ihr sicher gewesen sein, wäre nur ihr Vortrag energischer ausgefallen. Artjom Zolotarov überzeugt wesentlich mehr mit Zukunfts- und Sinnüberlegungen, die von den „weißen Tischen“ in der Bibliothek seiner Heimatstadt Mainz ausgingen. Und die Bambergerin Maron Fuchs als Letzte im Battle, die Superlativen und Selbstoptimierungswahn ein „Gut ist doch schon optimal“ entgegensetzte, erhält mit 50 Punkten die unumstrittene Höchstwertung des Abends.

Im Finale trifft sie mit ihrem Vortrag „Große Mädchen weinen nicht“ dann auf Jaromir Konecnys Alltagsbeobachtung von der „Rache der Radieschen“ und Artjom Zolotarov, der einen Text „Heimat“ über die Geschichte seiner Familie vorträgt. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen endet mit zwei ersten Plätzen: Artjom zog mit Gin und Maron mit einem Hanföl prämiiert von dannen. Jaromir als Dritter war mit einem Likör sichtlich zufrieden. Alle drei wurden ausgiebig gefeiert. Das Publikum schied unbeschwert und beschwingt…


Traditionelle Schullesungen – „wunderbar organisiert“

Der Programmpunkt „Schullesung in Aschaffenburg“ griff Traditionen auf und führte über ein Dutzend Schriftsteller*innen, vornehmlich VS-Landesvorsitzende und Bundesvorstandsmitglieder, in zehn Aschaffenburger Grundschulen, in Gymnasien und eine Berufsschule. Mehr als 1000 Zuhörer*innen folgten unterschiedlichen Texten und nachfolgenden Gesprächen darüber. So las Carmen Winter, die brandenburgische VS-Landesvorsitzende, nacheinander in der Gutenberg Grundschule Aschaffenburg und der Mozartschule Obernau ihren nur zweiseitigen, noch unveröffentlichten Text von der kleinen Computerhexe, der mitten über dem Meer das Navigationssystem ihres Besens ausfällt. Beim zweiten Hören ergänzten die Kinder – etwa 70 bei der einen, einige weniger bei der anderen Lesung – passende Geräusche. „Das bewusst offene Ende wurde angeregt debattiert“, berichtet Carmen Winter, die von den Kindern auch über ihre Arbeit ausgefragt wurde. „Eine schöne Sache. Und wunderbar organisiert!“


Literatur unter Strom. Die Debatte

Einen „elektrisierenden Nachmittag“ wünschte VS-Beisitzerin und Projektleiterin Nina George allen Teilnehmer*innen von „Literatur unter Strom. Die Debatte“ am 15. Februar 2019 im Aschaffenburger Martinushaus. Das thematische Herzstück des Jubiläumskongresses begann mit Zustandsbeschreibung und Ist-Analyse, die George in ihrer Begrüßung und Rüdiger Wischenbarth mit einem Impulsreferat lieferten. Die von der digitalen Revolution erfasste Kommunikation habe auch den Kulturkonsum und damit verbunden die Auffassungen von Recht, Eigentum und Verantwortung verändert, führte Nina George ein und forderte von den Kolleg*innen „Visionen und Konzepte für eine integere Gesellschaft der Zukunft“. Inwieweit man dabei „mit dem Rücken an der Bücherwand“ stehe oder sich „selbstbestimmt im Netz bewegt“, sei zu ergründen.

Nina George (Mitte) im Kreis von Mitdiskutan*innen
Foto: Bert Bostelmann

Rüdiger Wischenbarth (Global eBook-Report) erinnerte an ein „goldenes, etwas selbstvergessenes Zeitalter“ für Bücher und Autor*innen. Er fragte zunächst nach Ängsten und Sorgen, die sich mit den digitalen Veränderungen verbinden: „Schrecken der Schwund an Lesern, Käufern oder Angst vor zunehmender Bücherflut? Oder ist es vielmehr die Sorge um den Verlust der Einzigartigkeit?“ Angesichts von über 82 000 Neuerscheinungen allein auf dem deutschen Buchmarkt 2017 sei die Bedrohung durch neue Angebote – bekanntlich boomt das Story-Telling – relativ. Und doch, so Wischenbarths Diagnose, habe „die Buchkultur den Anschluss an die Transformation der Gesellschaft verloren“. Grund sei nicht die „Elektrisierung“ von Literatur, sondern ein womöglich falscher „Anspruch auf Exklusivität“. Viel zu wenige Übersetzungen aus dem Polnischen, Hebräischen, Chinesischen oder Türkischen, das weitgehende Fehlen von Stimmen mit Migrationshintergrund in der deutschsprachigen Literatur bemängelte der Referent. Zugleich beleuchtete er Auswirkungen einer von großen Plattformen angetriebenen „Industrialisierung des Schreibens“. Netflix habe 2018 einen vermutlich zweistelligen Milliardenbetrag für Scripte ausgegeben. Die mit der Digitalisierung einhergehende Transformation sei ein Aufgabenfeld für den VS, so Wischenbarth. Denn Fakt sei: „Die Ungleichheiten nehmen spürbar zu. Und ein bislang wildes Biotop elektronischer Angebote arrangiert sich neu. Einzigartigkeit hat da keinen Platz.“

Impulsgeber Rüdiger Wischenbarth
Foto: Bert Bostelmann

In der nachfolgenden Podiumsdebatte, die Birgit Kolkmann moderierte, wurde die Thematik unter verschiedenen Blickwinkeln vertieft. Wie „von einem Raum in den anderen“ bewege sie sich zwischen Kanälen wie Instagram, Twitter oder Facebook, erklärte Kulturjournalistin und Bloggerin Karla Paul. Als energische Verfechterin von viel Information, die selbst „unfassbar viel lese und zusammenfasse“, könne sie das alles „auch gleichzeitig“ und fände im Internet hervorragende Möglichkeiten, als Literaturlobbyistin zu agieren.

Das Internet und ihre eigene Ausdrucksform „bedingen einander“, erklärte Selfpublisherin Nike Leonhard, die ihre e-Books stets als Datei hochlade. Kurzformate seien im Netz besonders geeignet. Das Web diene ihr auch zur direkten Kommunikation mit der Leserschaft.

Das Podium (v.l.n.r.): Dr. Robert Staats, Nike Leonhard, Birgit Kolkmann, Karla Paul, Peter Kraus von Cleff, Patricia Klobusiczky.
Foto: Bert Bostelmann

Skeptischer äußerte sich Patricia Klobusiczky, 1. Vorsitzende des Verbandes der Übersetzer. „Macht Euch keine Sorgen, Künstliche Intelligenz wird morgen weder für uns schreiben noch übersetzen“, sagte sie mit Blick auf übersteigerte Erwartungen an Software-„Wunder“ wie das Online-Übersetzungsprogramm DeepL. Dennoch habe die Digitalisierung ihren Berufsalltag verändert, so Klobusiczky, selbstverständlich nutze sie Netzwörterbücher, Wikipedia & Co. Ihr Denken fühle sie nicht beeinflusst, jedoch die Vernetzung beschleunigt. „Neuronale Verknüpfungen können wir nicht den Maschinen überlassen“, so die Übersetzerin.

Zeit für Kontemplation werde knapper, sagte Peter Kraus von Cleff. Der kaufmännische Geschäftsführer des Rowolt Verlages sah das Denken durch das Netz doch verändert: „Das Internet belohnt uns immer, das ist bequem, stärkt Abhängigkeiten, führt uns aber auch in die Irre.“ Gegenüber flüchtigen audiovisuellen Eindrücken werde die Anstrengung des Lesens aber belohnt: „Wir lesen, weil wir etwas behalten wollen.“ Diese Chance müsse genutzt, Achtsamkeit gepflegt werden. Deshalb bemühten sich Verlage wieder stärker um die Gestaltung besonders schöner Bücher, die eine „Magie“ ausübten.

Auf vielen Kanälen zu Hause: Karla Paul (vorn)
Foto: Bert Bostelmann

Karla Paul wandte sich gegen „Papiervergötterung“. Die Leserschaft begeistere sich doch eher am Inhalt, Autor*innen sollten die Möglichkeiten nutzen, in allen Medien Neugier auf Geschichten zu wecken. Nike Leonhard sah in der Nutzung der unterschiedlichen Medien eher eine individuelle Frage. Allen Autor*innen gemeinsam, das Verbindende sei freilich der Umgang mit Sprache.

Durch das Netz nicht arbeitslos: Patricia Klobusiczky Foto: Bert Bostelmann

Es wachse die Bedeutung von „Vermittlungsarbeit“, zeigte sich Patricia Klobusiczky überzeugt. Verheerende Entwicklungen wie das Schrumpfen von Verlagslektoraten und der unbefriedigende Zustand der Literaturkritik machten es nötig, dass „Barrieren eingerissen werden“, sich Verlage, Autor*innen, Übersetzer*innen und Literaturliebhaber*innen über Sparten und Gebiete hinweg besser vernetzten. Um gegen die „weitere Fragmentierung des Marktes anzugehen“, regte sie an, dass der VS eine Arbeitstagung organisiere „für alle, die vermittlerisch tätig sind“.

Dr. Robert Staats, geschäftsführendes Vorstandmitglied der VG Wort, sah die bisherigen Ergebnisse der Trilog-Verhandlungen zum europäischen Urheberrecht als „enormen Schritt nach vorn“, der die Situation der Kreativen stärkt. Es bestehe die berechtigte „Hoffnung, dass Autoren künftig zusätzliches Geld verdienen“, indem die Machtposition der großen Plattformen wie Google angekratzt werde. Es gehe bei der Richtlinie über das Urheberrecht im digitalen Binnenmarkt um mehr als Leistungsschutzrechte für Presseverlage: um angemessene Vergütung für Autor*innen. So seien von Neuregelungen etwa auch die Nutzung von vergriffenen Werken und weitere Urhebervertragsrechtsbestimmungen berührt.

Statements und Fragen, hier von Gerlinde Schermer-Rauwolf.
Foto: Bert Bostelmann

Das Publikum beteiligte sich mit zahlreiche Anregungen und Fragen. So wurde auf spezielle Literaturseiten im Netz verwiesen, die bereits „teilweise die Aufgaben des Feuilletons übernommen“ hätten. Plattformen wie „Autorenwelt“ wirkten als Vernetzungsforen für Kreative. Dass gewisse literarische Inhalte und Genres – wie Lyrik, Briefe und Tagebücher – eher Intimität verlangten und „über elektronische Kanäle eigentlich nicht gehen“, gab eine Diskussionsrednerin zu bedenken. Der Sinn eines „Führerscheins fürs Internet“ wurde befragt, der darauf hinwirken müsse, „Kompetenz zum kritischen Denken“ bei Leser*innen zu fördern. Die Schule sei gefordert, Kindern und Jugendlichen wieder beizubringen, „wie Texte gemacht sind“, um den Zauber von Literatur auch über die Form besser vermitteln zu können. Für eine „Explosion der Ideen“ warb Karla Paul am Ende der Debatte. Sie forderte, alle Online- und Offline-Möglichkeiten zu nutzen und viele Partner einzubinden, um „größere Strahlkraft“ für Literatur zu erzeugen. „Wir sollten uns gegenseitig unter Strom setzen!“


Der Jubiläumfestakt: 50 Jahre VS

Erwartungsvolle Stimmung im Parkett und auf den Rängen.
Foto: Bert Bostelmann

Am Abend des 15. Februar feierte der VS mit großem Bahnhof im generalsanierten Aschaffenburger Stadttheater: Ansprachen gab es von Oberbürgermeister Klaus Herzog, der die baldige Eröffnung eines achten Museums in der 70 000-Einwohner-Stadt für Ende Juni ankündigte und sich stolz zeigte, dass die Schriftsteller*innen in ver.di in seiner Heimatstadt tagen. Der bayerischen Staatsminister für Wissenschaft und Kunst Klaus Sibler überbrachte Glückwünsche und schloss Überlegungen zur Macht des Digitalen im Alltag an.

Minister Sibler (vorn r.) posierte nicht nur mit seinem Handy, sondern sprach auch durchaus kritisch darüber.
Foto: Bert Bostelmann

Der stellvertretende ver.di-Vorsitzende Frank Werneke gratulierte und würdigte den Schriftstellerverband als „starke politische Stimme für eine weltoffene und plurale Gesellschaft“. Der VS erziele „Erfolge durch Beharrlichkeit“, sei von jeher Teil der Friedensbewegung, ein politischer Verband, seit 1972 gleichzeitig aber eine Gewerkschaft, die die Interessen ihrer Mitglieder vertrete. Als Heinrich Böll im Hauptreferat auf dem Gründungskongress 1969 das „Ende der Bescheidenheit“ ausrief, habe er all das wohl bereits im Sinn gehabt. Auch heute könne der VS durch tätigen Einsatz und Beharrlichkeit Arbeitsbedingungen und soziale Situation der Autor*innen verbessern, beteilige sich am Ringen um eine angemessene Verteilung der Mittel für Kultur. Davon profitiere ver.di insgesamt, 35 000 der zwei Millionen Mitglieder seien schließlich Urheberinnen und Urheber.

ver.di-Vize Frank Werneke gratulierte.
Foto: Bert Bostelmann

Werneke ging auf den gerade in Trilog-Verhandlungen errungenen Kompromiss zum europäischen Urheberrecht ein, den er als Erfolg wertete „in der Auseinandersetzung mit schwergewichtigen Herausforderern wie Google, Amazon und Facebook, die keinerlei Interesse an einer Regulierung haben“. Der VS könne sich auf seine Zukunft freuen, die auch auf neuen Feldern wie dem Einsatz künstlicher Intelligenz Herausforderungen bringe. Dem bisherigen Vorstand und allen Mitgliedern zollte er für das Engagement Dank und Respekt.

Die VS-Vorsitzende Eva Leipprand begann ihre Rede ebenfalls mit einem Bezug auf Gründungsvater Böll und führte aus: „Die Wirklichkeit mitzugestalten, das war das Anliegen des Schriftstellerverbands von Anfang an; im Interesse der Autorinnen und Autoren, zur Verbesserung ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen; aber auch im Interesse der Welt um uns herum, für die wir Schriftstellerinnen und Schriftsteller besondere Verantwortung tragen. Wir schreiben, wir dichten, wir erzählen, wir wirken mit an den Narrativen der Gesellschaft, wir haben Teil an der kulturellen Deutungsmacht.“

Eva Leipprand bezog sich auf Böll.
Foto: Bert Bostelmann

Sie zitierte aus dem Glückwunschschreiben von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der daran erinnerte, dass Schriftsteller*innen hierzulande seit 50 Jahren einen Verband hinter sich wissen, der „ihre Interessen nicht nur im Hinblick auf Rechtsschutz, faire Vergütung und Urheberrechtsfragen im digitalen Binnenmarkt vertritt, sondern auch im Sinne des von Heinrich Böll gelebten Verantwortungsgefühls als Faktor in der Gesellschaft“. Bei allen berufsständischen Aufgaben sei das Schreiben doch die Leidenschaft, die alle zusammenhält, erklärte Leipprand: „Der Fünfzigste muss groß gefeiert werden.“

Eine Zeitreise unter dem Titel „Kein Ende der Bescheidenheit“ gestaltete anschließend Imre Török, langjähriger Vorsitzender, zuletzt Vize-Vorsitzender des VS. Der Verband sei gegründet worden, als „Einzelgänger lernten, sich solidarisch zu verhalten“. Von der Einigkeit der Einzelgänger berichte deshalb auch die gedruckte Chronik, die Török anlässlich des Jubiläums erarbeitet hat. Es zeige sich: die knapp 4000 Mitglieder des Verbandes bundesweit könnten „stolz sein auf das bislang Erreichte“, sie hätten „Wegmarken gesetzt und Standards geschaffen“.

Imre Török auf Zeitreise
Foto: Bert Bostelmann

Noch immer sei kein Ende der Bescheidenheit angesagt. Schriftsteller*innen hierzulande setzten sich ein für eine humane und lebenswerte Gemeinschaft, für den Schutz der Kreativität. Sie hätten noch immer ein ausgeprägtes soziales Gewissen und einen bildungspolitischen Auftrag. Trotz ernsthafter verbandsinterner Kontroversen – auch um den Verbleib unter dem Dach einer Gewerkschaft – habe sich der VS stets für Frieden und Völkerverständigung eingesetzt. Unter dem Motto „Komm ins Offene, Freund!“ sei Anfang der 1990er Jahre auch die gleichberechtigte Aufnahme der Kolleginnen und Kollegen aus den ostdeutschen Bundesländern gelungen. Es wurden stets Aktivitäten zur Verteidigung der Demokratie entwickelt, wie seit 2012 auch die „Worte/Stimmen gegen Rechts“. Mit dem Internet fänden Autor*innen mittlerweile ein Betätigungsfeld, das einerseits eine Bereicherung bilde, andererseits aber Datenpiraterie ermögliche. An einer „Debatte um die Humanisierung der neuen Technologien“ beteilige sich der VS, so Török, auch auf dem aktuellen Kongress.


Fünffach geballte Erfahrung auf einem Podium

Dialog zwischen VS 1.0 und VS 4.0 nannten die Moderatorinnen Nina George, VS-Bundesvorstandsmitglied, und Lena Falkenhagen, stellv. Berliner Landesvorsitzende, die Befragung von fünf (ehemaligen) Bundesvorsitzenden des Schriftstellerverbandes. Mehr als 126 Jahre, so ihre Rechnung, hätten die Gesprächspartner dem VS zusammengenommen gedient.

Auf einem Podium vereint: Lena Falkenhagen, Fred Breinersdorfer, Pit Bleuel, Regine Möbius, Eva Leipprand, Imre Török und Nina George (v.l.n.r.)
Foto: Bert Bostelmann

Hans Peter (Pit) Bleuel stand dem Verband von 1984 bis 1987 vor. Er erinnerte sich unter anderem an die „politisch-moralische Wende“ zu Helmut Kohl und berichtete vom gemeinsamen Aktivitäten mit dem DDR-Verband, die im „Friedensappell der Schriftsteller“, unterzeichnet von Bernt Engelmann und Hermann Kant mündeten. Schon damals, so betonte Bleuel, habe man mit einem „Zehn-Punkte-Programm“ Mindeststandards für die rechtliche und soziale Absicherung sowie Arbeitsbedingungen von Auto*innen formuliert, um deren Durchsetzung man seither ringe.

Nicht auf dem Trockenen: Bleuel und Möbius
Foto: Bert Bostelmann

Regine Möbius, ver.di-Kulturbeauftragte, berichtete über die Jahre 1994 bis 1997, als Erich Loest Vorsitzender und sie auch seine Stellvertreterin war. Loest habe den Blick der Autoren vorrangig ins östliche Nachbarland gerichtet und den sogenannten Polenplan entwickelt, der die Beschäftigung mit polnischer Literatur, gegenseitige Kontakte von Schriftsteller*innen, gemeinsame Dampferfahrten auf Oder und Neiße und die Herausgabe von Anthologien einschloss. Das sei alles „sehr beflügelnd“ gewesen, habe aber auch von inneren Problemen weggelenkt, die den VS damals zu zerreißen drohten, und ein intensiveres Miteinander befördert.

Für Fred Breinersdorfer, VS-Vorsitzender von 1997 bis 2005, sei wohl der 36-Stunden-Tag erfunden worden, mutmaßte Nina George. Er erinnerte an die Bemühungen, die „ökonomische Existenz der Schreibenden so gut es geht zu sichern, damit der Geist freier schweben kann“. Doch seien Versuche, ein neues Urhebervertragsrecht zu schaffen, nach der Jahrtausendwende nicht zuletzt durch ein Umfallen der Grünen „krachend gescheitert“. Nun kämpfe man nicht mehr nur gegen Verleger, die mit ganzseitigen Anzeigen aufwarten, sondern gegen den „wahnsinnigen Koloss“ von Plattformen. Es habe jedoch nichts mit der „Freiheit des Internets zu tun, andere zu bestehlen“.

Hat weder seinen Charme noch Humor verloren: Fred Breinersdorfer
Foto: Bert Bostelmann

Imre Török – zwischen 2005 und 2015, und damit am längsten VS-Vorsitzender – erläuterte seine Maxime „Wir müssen zusammenhalten, sonst werden wir von allen Seiten zerrieben.“ Er habe den Verband angehalten, Verbündete zu suchen und mit allen möglichen Partnern zusammenzuarbeiten. So sei das Projekt „Fairlag“ gegen die Abzocke von Autoren entstanden, so habe man die „Worte gegen Rechts“ initiiert, so sei aber auch der Blick bis nach Afrika geweitet worden. „Verantwortung hier“ schließe für ihn aber auch die zwei Millionen hier lebenden Menschen mit türkischen Wurzeln ein.

Für Eva Leipprand, VS-Vorsitzende seit 2015, stellten sich vor allem Fragen einer „Neufindung“ angesichts des digitalen Kommunikationsraums, der die Beziehung Kultur und Gesellschaft betreffe. Eine gesellschaftsverändernde Funktion von Literatur stehe nicht in Frage, eigene Qualitätsmaßstäbe blieben gültig. Bücher müssten Kulturgüter bleiben. Bei aller notwendigen Veränderung müsse die Zunft „Grenzen immer im Blick behalten“.

 


Abendliche Lesung mit Kerstin Hensel und Uwe Timm

Kerstin Hensel (vorn) auf der Bühne im Gespräch mit Birgit Kolkmann.
Foto: Bert Bostelmann

Eine Doppellesung fesselte VS-Mitglieder und Gäste am Abend. Birgit Kolkmann sprach mit beiden zuvor über ihr Schaffen. Kerstin Hensel, geboren in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz), Schriftstellerin und Lyrikerin, Professorin für deutsche Verssprache an der Schauspielschule Ernst Busch in Berlin, sprach davon, dass das Schreiben sie schon früh „vor dem Wahnsinn des Alltags“ gerettet habe. Heute werde sie von der Muse oft „an ganz unromantischen Orten geküsst“. Als Gast des VS las sie eigene Gedichte und ihre Erzählung „Die Menge“.

Uwe Timm, VS-Mitglied, hatte Ausschnitte aus seinem neuen Roman „Ikarien“ – ein „Mentalitätsbuch der Stunde Null 1945“ und aus der Ezählung „Am Beispiel meines Bruders“ von 2003 mitgebracht. Viele seiner Figuren, so Timm, trügen autobiografische Züge. Doch liebe er den „wunderbaren Konjunktiv – es könnte anders sein“.

Uwe Timm las Episches.
Foto: Bert Bostelmann

Auf Augenhöhe

Liane Schneider gestaltete vor vollem Haus eine Kinderbuch-Matineé mit „Conni“

Liane Schneiders Bücher haben eine Gesamtauflage in Millionenhöhe, aber sie macht kein Aufhebens davon. Ihre Heldin ist stets die gleiche: Conni mit der roten Schleife im blonden Haar. Die eigene Tochter stand Pate, als die Figur einst aus der Taufe gehoben wurde. Inzwischen begleitet Conni hierzulande in kleinen und großen Büchern des Carlsen Verlages sowie in 30 weiteren Ländern Kinder durch den Alltag. Am 16. Februar, als den Delegierten schon die Köpfe rauchten, las Liane Schneider bei schönstem Wetter vor jungem Fanpublikum und mitgebrachten Eltern im Stadttheater. Ein voller Erfolg. Wir trafen das VS-Mitglied am Abend zuvor.

 

Noch vor und nicht im Aschaffenburger Stadttheater: Kinderbuchautorin Liane Schneider
Foto: Bert Bostelmann

Kollegin Schneider, was werden Sie lesen?                                         

„Conni und der erste Schnee“- weil ich nicht wusste, dass hier im Februar schon Frühling ist. Und „Conni hat Geburtstag“, das dürfte auf jeden Fall zum VS-Jubiläum passen.

Wenn Sie das Erfolgsrezept Ihrer Conni-Geschichten beschreiben sollten, wie fiele das aus?

Offenbar spricht Conni Kinder an, weil aus ihrer Sicht erzählt wird, auf Augenhöhe. Die Themen sind direkt aus dem Leben der Kinder gegriffen.

Es sind Geschichten fürs Vorschulalter, die den Kindern zumeist vorgelesen oder in den ersten Schuljahren selbst gelesen werden. Ist es zu groß gesprochen, dass Sie Kinder damit an Literatur heranführen?

Vorlesen führt an späteres Selberlesen heran. Es lässt Bilder im Kopf entstehen. Das ist eine spezielle Leistung. Ich würde Kindern deshalb auch noch vorlesen, wenn sie sieben, acht oder neun Jahre alt sind. Es gibt noch einen anderen Aspekt: Conni-Geschichten erscheinen oft in kleinen Büchern für wenig Geld. Die werden auch von Menschen gekauft, die keine 10 Euro für ein dickes Bilderbuch haben, um ihren Kindern das Lesen schmackhaft zu machen. Und Conni-Bücher erzählen Alltagsgeschichten. All das trägt dazu bei, dass sie für Kinder ein positives Leseerlebnis sind und so führen sie letzten Endes auch an Literatur heran.

 Eine Lanze für die kleinen Pixi-Heftchen?

Durchaus. Ich bezeichne sie als Bücher, weil ich mir damit genauso viel Mühe gebe wie mit einem dickeren Band. Es war übrigens so, dass ursprünglich von den Pixi-Büchern ausgehend bei den Lesenden der Wunsch nach etwas größeren Formaten entstand; also zunächst nach der etwas größeren «Lesemaus»-Reihe und dann – zum Verschenken und Sammeln – auch Nachfrage nach festgebundenen Bilderbüchern. Meist ist das eher umgekehrt.

Vor Beginn am Buchstand
Foto: Nehrlich

Sie lassen Conni seit fast 30 Jahren etwas erleben, erfahren oder lernen. Seither hat sich das Lebensumfeld ziemlich verändert. Hat das Digitale Einfluss auf Ihr Schreiben genommen?

Eigentlich nicht. Es kommt zwar vor, dass in den Illustrationen mal Kinder oder Eltern am Computer sitzen, manchmal steht so was auch im Text. Aber bei den Kleinen im Vorschulalter spielt die Technik noch nicht so eine bedeutende Rolle. Das Schöne am Vorlesen – das enge Zusammensein mit Eltern oder Großeltern und dem Buch – das hat sich zum Glück ja wenig geändert.

Es haben sich eher andere Aspekte in den Conni-Büchern mit der Zeit geändert: Connis Vater ist zum Beispiel präsenter in den Geschichten, es gibt auch mal männliche Erzieher. Die sich verändernde Lebenswelt findet sich also auch in den Conni-Büchern.

Es gibt bisher über 60 Conni-Geschichten. Sie schreiben im Jahr drei oder vier neue. Haben Sie denn immer noch Ideen…

Ja.

…Oder schlägt Ihnen der Carlsen-Verlag auch Themen vor?

Das auch. Es kommen zudem Anregungen von Kindern oder ihren Eltern.

Das einzige, was man Conni – und damit auch Ihnen – mitunter vorwirft: Conni sei zu brav, eine, die nie aneckt…

Es gibt schon auch Geschichten, wo Conni sich mit ihrer Freundin streitet oder wütend ist. Sie ist kein „rosa“ Mädchen, eher körperbetont, sportlich, macht Sachen, die alle Vorschulkinder – auch Jungs – so erleben. Doch ja, überwiegend ist sie ein fröhlicher, zufriedener Mensch. Die Geschichten sollen Kindern ja auch Mut machen und Ängste nehmen. Ein Junge hat mir mal gesagt, dass er es gar nicht schön fände zu lesen, wie sich andere streiten und kloppen. Gerade Kinder, die vielleicht einen schwierigen familiären Hintergrund haben, sehnen sich wohl nach einem positiven Vorbild.

Was zeichnet Ihre Schreibhaltung, Ihren Conni-Stil aus, welche Anforderungen haben Sie sich gesetzt?

Ich habe ja lange in der Grundschule unterrichtet und deshalb Erfahrung mit jüngeren Kindern. Ich schreibe darum, schon von Anfang an, ziemlich «barrierefrei», auch für Menschen, die die deutsche Sprache nicht so gut beherrschen oder einfach noch nicht so gut lesen können: Mit kurzen Sätzen, kaum Fremdwörtern, alles in der Gegenwartsform, das hilft nicht nur kleinen Kindern beim Textverständnis.

Sie lesen im großen Saal des Stadttheaters. Haben Sie Erfahrungen mit so viel Publikum?

Nein. Überhaupt mache ich nicht häufig Lesungen. Und wenn, dann eher vor kleineren Gruppen. Da lese ich ganz „pur“; jetzt habe ich aber Bilder zur Unterstützung dabei: Es wird also eine Art Bilderbuchkino.

Und auf welches Thema dürfen die Kinder sich im nächsten Conni-Buch freuen?

Im Frühjahr kommt „Conni kann nicht einschlafen“ heraus.


Zum Abschluss: Große VS-Lesenacht

Die Buchhandlung Diekmann in der Steingasse hatte alle zur Rede stehenden Bücher schon vorab im Angebot. Und die Aschaffenburger*innen waren für den Abschlussabend am 16. Februar herzlich eingeladen: Acht Autor*innen gestalteten zum Ende des VS-Kongresses die „Große Lesenacht“ mit vier zweifachen Doppellesungen. Die Besucher*innen hatten so die Chance, nach einer Stunde den Veranstaltungsort zu wechseln und andernorts ein weitere Veranstaltung zu besuchen.

Im Stadttheater boten Christine Lehmann und Friedrich Ani Spannendes unter dem Titel „Crime & Noir: Wenn die Welten langsam kippen“.

VS-Mitglied Artur Becker las aus „Der unsterbliche Mr. Lindley. Ein Hotelroman“
Foto: Bert Bostelmann

Im Alten Forstamt ging es um „Eros & Psyche: Alles beginnt in einem Hotelzimmer.“ Es lasen Nina George und Artur Becker.

„Poesie & Philosophie: Vom Leben und vom Schreiben“ standen in der Hofbibliothek auf dem Programm. Aktiv waren Caritas Führer mit Gedichten und Geschichten sowie Kurt Mondaugen, der als Autor zugleich Performer ist.

Zwei erfolgreiche Selfpublisherinnen gestalteten die Lesungen in der Stadtbibliothek: Nike Leonhard und Monika Pfundmeier waren unter dem Motto „Urban und Phantastisch: Die funkelnde Vielfalt der unabhängigen Literatur“ angetreten und lasen aus aktuellen Werken.

Nike Leonhard (l.) und Monika Pfundmeier bei ihrer Lesung in Stadtbibliothek.
Foto: Bert Bostelmann

Der Film zum VS-Kongress:

nach oben

weiterlesen

Arbeit international: Euro FiA tagte in Hamburg

Vom 11. bis 13. Juni 2019 trafen sich mehr als 70 Vertreter*innen europäischer Künstlergewerkschaften an Theatern und Bühnen sowie im audiovisuellen Bereich in Hamburg zum Kongress der Euro FiA. Unter dem Dach der internationalen Schauspieler-Föderation sind demokratische Theatergewerkschaften u.a. aus der Schweiz, Norwegen und der Türkei solidarisch organisiert. Sie vertreten längst nicht nur die Interessen von Darstellern.
mehr »

Autoren auf Rhodos: Nobody is an Island

Kann man sich einen internationalen Workshop an einem schöneren Ort als auf der griechischen Sonneninsel Rhodos vorstellen? In einem Zentrum für Schriftsteller*innen und Übersetzer*innen auf einem Hügel mit Blick hinunter auf Rhodos Stadt und das Meer. "Nobody is an Island" lautete das Leitthema der fünftägigen, literarischen Werkstatt im Jahr 2019.
mehr »

An der Streikidee scheiden sich noch immer die Geister

„Können Schriftsteller*innen streiken?“ war die Frage. Vor 50 Jahren erstmals erwogen, fällt die Antwort scheinbar noch immer so negativ wie unbefriedigend aus. Auch um die aktuelle Arbeits- und Lebenssituation sollte es in einer Veranstaltung gehen, die der VS Berlin am Vorabend des 50. Verbands-Jubiläums in Kooperation mit dem Literaturforum im Brecht-Haus organisierte. Gute Idee, fanden etliche Interessierte, denen ihre Teilnahme am Pfingstfreitagabend sogar ein Eintrittsgeld wert war.
mehr »

Literatur, Politik und Bildung kompakt

Die diesjährige ver.di-Literaturtagung 2019 „Widerstand ist nichts als Hoffnung“ hat sich vom 31. Mai bis 2. Juni mit fundierten Vorträgen, in zahlreichen Workshops, bei einer Lesung und mit einem Liederabend des Themas Widerständigkeit angenommen - in seinen unterschiedlichsten Facetten. René Char, französischer Schriftsteller und Résistancekämpfer, gab der seit 14 Jahren stattfindenden Tagung, die Literatur und Politik zusammendenkt, diesmal den Titel.
mehr »