Diesmal eine digitale Bühne für das Buch

VS-Vorsitzende Lena Falkenhagen (r.) debattiert im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Weltempfang" der Buchmesse mit drei online zugeschalteten Expertinnen. Screenshot: youtube

Die Frankfurter Buchmesse fand 2020 pandemiebedingt überwiegend online statt. Doch erreichten Anzahl und inhaltliche Vielfalt der Formate zahlreiche Nutzer*innen. Fachbesucher*innen wie Publikum verbuchen die digitale Buchmesse als Erfolg. Dieses Jahr beteiligten sich der Verband deutscher Schriftsteller*innen (VS) und der Verband deutschsprachiger Übersetzer*innen (VdÜ) an vier Veranstaltungen, darunter einer Diskussion über den Umgang mit der sogenannten „Cancel Culture“.

Die Frankfurter Buchmesse 2020 war in jeder Hinsicht eine besondere Messe. Die physischen Begegnungen haben wir vermisst. Aber es ist uns gelungen, dem Buch in dieser Woche eine große digitale und mediale Bühne zu bieten“, erklärte Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, rückblickend. Immerhin 4440 digitale Aussteller*innen aus 103 Ländern hatten sich registriert. Außerdem fanden in der Messewoche mehr als 3600 Veranstaltungen online und einige ausgewählte auch vor Ort statt. Die große Online-Show „BOOKFEST digital“ sendete am 17. Oktober 2020 achtundzwanzig Stunden Programm auf zwei Kanälen und erreichte damit allein auf Facebook 1,5 Millionen User*innen weltweit. Die Zuschauer*innen erlebten u.a. Live-Interviews mit Edward Snowden, Yvonne Adhiambo Owuor und Eliot Weinberger. Das Gastland Kanada kam dieses Jahr zwar nicht richtig zum Zuge, der kanadische Premierminister Justin Trudeau gab deshalb anlässlich der Eröffnungsfeier das Startsignal für einen erneuten Gastauftritt 2021.

Am Messesamstag feierte erstmals die ganze Welt das Bookfest digital mit Lesungen, Talks und Diskussionen. Frankfurter Buchmesse/ Marc Jacquemin

Die gesellschaftspolitische Bühne der Buchmesse, „Der Weltempfang“, stand 2020 unter dem Motto „Europa – Kulturen verbinden“ und fand erstmals ausschließlich digital statt. Auf der Agenda standen an fünf Tagen zwölf Veranstaltungen mit hochaktuellen Themen zur Rolle von Kultur und Politik, nicht nur in Zeiten der Corona-Pandemie. Dazu gehörte auch ein Meinungsstreit um die sogenannte „Cancel Culture“, die in diesem Jahr medial hohe Wellen schlug. Die VS-Vorsitzende Lena Falkenhagen griff das Thema unter dem Titel „Europa bleibt diskursfähig – Wie wir miteinander reden wollen“ auf und lud am 14. Oktober zu einer eine Online-Diskussion mit drei Expertinnen ein.

Lena Falkenhagen moderierte die Debatte am 14. Oktober. Screenhot: youtube

Über „Cancel Culture“ zu reden, ist nicht so einfach, denn wie soll man einen politisch besetzten Begriff definieren, der bereits einen Bedeutungswandel durchgemacht hat? Bis heute handelt es sich beim „Canceln“ um das von Interessengruppen geforderte Verbannen von Personen aus dem öffentlichen Raum. Ursprünglich verwendeten marginalisierte Menschen in den USA diese Methode vor allem in den sozialen Medien, um auf ihre Diskriminierung aufmerksam zu machen. Aus der Not geboren, denn „sie hatten selbst nicht die Macht, zu zensieren“, erläutert Marina Weisband, einstige Medienpolitikern und Diplom-Psychologin.

Heute geht es beim Canceln über das Blocken eines Twitter-Accounts hinaus, es kann auch bedeuten, gewichtige Statuen von ehemaligen Sklavenhaltern im Rahmen der Black Lives Matter-Bewegung zu stürzen. In Deutschland rückte die Debatte um die „Cancel Culture“ erst diesen Sommer ins breitere öffentliche Licht. Auslöser war der bereits im Juli 2020 online veröffentlichte und von 150 Intelektuellen und Kulturschaffenden unterzeichnete „Brief über Gerechtigkeit und offene Debatten“, der später im US-amerikanischen „Harper’s Magazine“ erschien. Unterzeichner*innen wie Magret Atwood und Noam Chomsky unterstützten darin den Ruf nach einer Gleichstellung von Minderheiten, beklagen jedoch eine moralische Entrüstungskultur, die eine offene tolerante Debatte zugunsten einer ideologischen Konformität schwäche.

Diese umschreibende Formulierung – im englischen Original wesentlich umständlicher – macht den Eindruck, einen Kampfbegriff der Rechten vermeiden zu wollen. Gar die „Political Correctness“? Marina Weisband erläutert, dass „Cancel Culture“ die Political Correctness mittlerweile als rechten Kampfbegriff ersetzt habe. Sie gelte nur, wenn Linke Forderungen stellten. Der massive Shitstorm gegen die Parodie des Kinderlieds „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ kam von rechts, hier habe man nicht von „Cancel Culture“ gesprochen.

Auch eine Kunst- oder Kulturveranstaltung kann gecancelt werden, wie der Fall der österreichischen Kabarettistin Lisa Lasselsberger zeigt. Sie wurde jüngst von einer Lesung ihres Debütromans auf dem „Habour Front Literaturfestival“ ausgeladen. Die später zurückgezogene  Absage wurde mit angeblichen Drohungen aus der benachbarten autonomen Szene begründet. Hintergrund war Lasselsbergers Auftritt als ihre Kunstfigur Lisa Eckart in einer WDR-Sendung aus dem Jahr 2018. Ihre Satire bediene sich laut Spiegel bösartiger antisemitischer Klischees und erntete Beifall aus dem rechtsextremen Milieu. Ist es legitim zu fordern, dass sich Lisa Eckart von der Vereinnahmung ihrer Satire von rechts distanziert?

Die Vorsitzende der Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität Petra Weitzel meint, sie habe mit der scharfen Zunge Lisa Eckarts kein Problem, „problematisch wird’s, wenn die Person sich auf eine Minderheit einschießt“. Und das sehe sie bei Lisa Eckart nicht. Lasselsberger habe sich bereits von der Zustimmung aus dem AfD-Lager distanziert, betont Marie-Luisa Frick, Professorin am Institut für Philosophie der Universität Innsbruck. Sie hält es für problematisch, wenn man erwarte, dass einer Künstlerin niemand aus dem AfD-Lager zustimmen dürfe. „Wie wollen wir sonst Brücken bauen zu Menschen, die keine Feinde der Demokratie sind, die sich aber in einem Graubereich bewegen und ihre Meinung hin und wieder korrigieren?“

Weisband hält dagegen, sie finde es zwar wichtig, Brücken zu bauen, aber nicht zum politischen Gegner. Eine antisemitische Aussage sei auch eine Handlung, die Schaden anrichten könne. „Es ist in diesem Jahr salonfähig geworden, gegen Frauen, gegen Jüd*innen, gegen Muslim*innen und Transsexuelle zu schießen“ und aus den Foren, in denen es zur Kultur gehöre, Witze über diese Menschen zu machen, seien immerhin Attentate hervorgegangen. Lasselsberger habe behauptet, sie wollte mit ihrer Satire eigentlich Antisemiten bloßstellen. Nur, „warum haben sich die Antisemiten nicht über sie geärgert?“ Weisband fordert: „Jetzt wäre der optimale Zeitpunkt, ihre Kunstfigur Lisa Eckart öffentlich fallenzulassen und zu sagen: Warum ist es euch so wichtig, Witze über Juden zu machen? Das wäre die wahre Kunst!“

Ein Ausschluss von Stimmen lasse den demokratischen Diskurs verkümmern, eine Stärkung der Gegner der Demokratie schade ihr selbst. Es stelle sich die Frage, wie wir in diesem Spannungsfeld Minderheiten stützen und sichtbarer machen könnten, ohne einen respektvollen Umgangston zu verlieren. Petra Weitzel weist auf die negative Repräsentation von Minderheiten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen hin. Transpersonen in Fernsehfilmen etwa treten bevorzugt als depressiv, alleine lebend und potentiell kriminell in Erscheinung. Weitzel fordert deshalb eine diverse Besetzung der Räte im öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Für Marina Weisband ist die Aufklärungsarbeit in Behörden und Polizei hinsichtlich zunehmender Online-Bedrohungen sehr wichtig. Es sei immer noch ein Unterschied, ob man online oder per Brief bedroht werde, auch wenn die Gesetzgebung dahingehend wachse. Marie-Luisa Frickist weist auf die Bildungsarbeit in den Schulen hin. Kinder sollten bereits sehr früh dafür sensibilisiert werden, wie tief die Pluralität von Lebensformen reichen könne. Dazu gehörten später auch Argumentationsschulungen, damit Menschen kritikfähiger würden. Dies fördere auch die Fähigkeit zur Selbstreflexion, die für eine demokratische Debattenkultur nötig sei.

Abstand halten! galt bei der Eröffnungsfeier am 13. Oktober 2020 in der Festhalle für Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Tarek Al-Wazir, Hessischer Wirtschaftsminister, Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien, Peter Feldmann, Oberbürgermeister von Frankfurt am Main sowie Moderatorin Vivian Perkovic und Messedirektor Juergen Boos. Foto: Frankfurter Buchmesse/ Marc Jacquemin

Auch online nachzuverfolgen ist die Diskussionsveranstaltung „Europa, Sprachen und Gerechtigkeit – Gendering in europäischen Kontext“, die die Fragen aufwarf: Was ist Geschlecht? Gibt es nicht zahllose soziale Situationen, in denen unser Geschlecht überhaupt keine Rolle spielt – oder zumindest spielen sollte? Wie übersetzen wir queere Texte? Teilnehmer*innen: Nina George , Schriftstellerin und Journalistin; Thomas Meinecke, Musiker und Autor; Karen Nölle, Verlegerin und Übersetzerin. Moderation: Mithu Sanya, Kulturwissenschaftlerin und Autorin

Zwei weitere Debatten von VS und VdÜ auf der Buchmesse Frankfurt 2020, bei denen es um Faire Verlagsverträge und Soziale Absicherung von Autorinnen und Autoren ging, stehen online über twitch zur Verfügung, leider in weniger guter Übertragungsqualität: Sven j. Olsson, stellvertretender Vorsitzender des VS, sprach hier mit Veronika Mirschel, Leiterin des Referats Selbstständige in ver.di, zur sozialen Absicherung. Über faire Verträge debattierten, moderiert von Sven j. Olsson, Sabine Lipan, VS-Vorsitzende NRW, Gerhard Ruiss, Geschäftsführer der IG Autoren Österreich und Tobias Kiwitt, Jurist und Sprecher des BVjA – Bundesverband junger Autorinnen und Autoren.

nach oben

weiterlesen

Bonn – mal im Spiegel der Literatur

Für eine Stadt mit etwa 330.000 Einwohner*innen hat die frühere Bundeshauptstadt Bonn eine beachtliche Geschichte als Handlungsort von Literatur. Berühmte Beispiele sind Heinrich Bölls Roman „Ansichten eines Clowns“ oder Juli Zehs „Spieltrieb“. Auf einer vielseitigen Online-Lesung präsentierten jetzt sieben Schriftsteller*innen eigene Texte sowie Auszüge aus Werken anderer Autor*innen, die allesamt Bonn-Bezug hatten. Ein Beteiligter berichtet.
mehr »

E-Book-Ausleihe: Keine falschen Weichen!

Anlässlich eines Offenen Briefes des Deutschen Bibliotheksverbandes (dbv) an die Abgeordneten des Bundestages warnt Lena Falkenhagen, Vorsitzende des Verbandes deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS in ver.di), vor möglichen Folgen einer übereilten gesetzlich erleichterten Ausleihe von E-Books. Der dbv will bestehende Urheberrechtsbeschränkungen zugunsten öffentlicher Bibliotheken auch auf digitale Ausgaben von Büchern ausweiten.
mehr »

Nahrhaftes statt Cocktailkirschen

Die Premiere kann als rundum gelungen gelten. „Gratulation!“ hieß es von Zuhörern im Chat. Und Lyrikerin Safiye Can erklärte, dass sie sich in der digitalen Runde „sehr, sehr wohl“ fühle. Die erste „Onlesung“ des VS über Twitch am 7. Januar brachte drei unterschiedliche literarische Anregungen und eine Debatte darüber, wie Zoom Lesungen grundsätzlich verändert. Und sie machte Lust auf Mehr an den kommenden Donnerstagen.
mehr »

Ein Stipendium, der Schah und Rothenburg

Das hatte sich PEN-Mitglied Leonhard F. Seidl sicherlich anders vorgestellt! Mitte Januar trat der Vorsitzende des VS Mittelfranken in Rothenburg ob der Tauber das vom dortigen Historischen Kriminalmuseum erstmals ausgelobte Stipendium an. Doch dann kam Corona – und mit dem Virus wurden allüberall die Daumenschrauben angezogen. Hier immerhin mit einem Roman als Ergebnis.
mehr »