Die Weihnachtsfrau – eine Frage der Gleichstellung

Sie schämte sich dafür, gelogen zu haben. Aber anders wäre es nicht gegangen. Als Frau hätte man sie zu diesem Kongress nicht zugelassen.
So meldete sie sich mit einem männlichen Vornamen an und dem Wunsch, auf die Rednerliste gesetzt zu werden. Sprechen wolle sie über Geschenkkultur im Wandel der Zeiten. In Wahrheit hatte sie vor, ein anderes Thema auf die Tagesordnung zu bringen.

Andrea oder Andreas Wald – dem Postboten war es egal. Sie erhielt die Einladung und besorgte sich das typische Outfit: roter Mantel und rote Mütze mit weißer Fellborte, Schaftstiefel; und sie klebte sich einen weißen Bart ins Gesicht.

Sollte jemand an ihrer Männlichkeit zweifeln? Im Foyer des Tagungshauses wurde ihr eine Konferenzmappe überreicht und ein Namensschild zum Anstecken.

Ihr Auftritt stand an dritter Stelle im Tagungsprogramm, dann sollte Kaffeepause sein.

Vor Lampenfieber unkonzentriert hörte sie sich die ersten beiden Vorträge an. Ein junger Kollege sprach über Arbeitsschutz angesichts von Rutschgefahr auf Bürgersteigen bei Blitzeis, über das Maximalgewicht der Geschenksäcke und über Brandgefahr, ausgehend von Christbäumen mit natürlichen Kerzen.

Ein älterer Kollege redete über die Glaubenskrise. Seine wichtigste Botschaft lautete: Glaube vor allem an dich selbst, dann glauben auch andere an dich! Er sprach dann über Nachwuchssorgen im Berufsstand, über Rentenansprüche und Konkurrenz durch ehrenamtlich tätige Weihnachtsmänner.

Andrea fühlte sich von ihm einerseits angesprochen, weil sie am Heiligen Abend ohne Bezahlung, nur aus Freude am Schenken, Gaben verteilte; andererseits natürlich nicht, denn sie war ja kein Weihnachtsmann.

Nach Applaus und kurzer Diskussion wurde es schnell still, als sie aufs Pult zuging – wohl, weil etliche Weihnachtsmänner schon an ihrem Gang erkannt hatten, dass sie es hier mit einer Frau zu tun hatten.

„Liebe Kollegen, meine Herren“, sagte Andrea, „entschuldigen Sie zunächst, dass ich undercover hereingeschneit bin, Sie quasi hinters Licht geführt habe. Aber wie Sie zugeben müssen, ist es mir nur so möglich, hier zu sprechen. Ehe ich zum Wesentlichen komme, möchte ich Ihnen vom angekündigten Vortrag meine wichtigste These verkürzt darlegen. Die Schenkkultur, besonders zu Weihnachten, hat sich in den letzten Jahren dahingehend geändert, dass hauptsächlich zwei Gruppen auszumachen sind: Die eine beschenkt sich, schon seit Beginn des Wirtschaftswachstums, zunehmend exzessiv. Die andere reduziert die Menge materieller Güter unterm Weihnachtsbaum durch kreative Schenkungsformen, etwa mit ideellen Gaben.

Und nun zu meinem eigentlichen Anliegen.“ Andrea zog den Mantel aus, riss sich den Bart vom Gesicht und die Mütze vom Kopf. Sie trank einen Schluck Wasser. Ihre Hand mit dem Glas zitterte.

„Vor sich sehen Sie, die, soviel ich weiß, bisher einzige Frau Ihres Berufsstandes. Aufgrund einer Erbschaft kann ich mir die freiberufliche Tätigkeit als Weihnachtsfrau noch leisten. Künftig wird das ohne finanzielle Absicherung, Corona-Nothilfe, gewerkschaftliche Anbindung und Mitgliedschaft in der Künstlersozialkasse nicht mehr möglich sein. Vor allem aber liegt mir an gesellschaftlicher Anerkennung und Gleichstellung von Frauen und Menschen des diversen dritten Geschlechts in diesem Beruf. Ich breche in Ihre Domäne ein!“ Sie wurde von undeutlichen Zwischenrufen und Hohngelächter unterbrochen, ließ sich aber nicht lange aus dem Konzept bringen. „Es kommt die Zeit, da sind alle möglichen Weihnachtsmenschen etwas so Normales wie heute noch die Weihnachtsmänner! Mag eine Quote in weiter Ferne liegen – in dieser Stunde ist der Anfang gemacht!“ Sie redete, so lange sie Redezeit hatte. „Ich danke Ihnen.“

Sie sah vor sich die ungefähr fünfzig Männer, uniformiert in Mänteln und Stiefeln, schwitzend, so wie sie selbst eben noch geschwitzt hatte, denn es war ungewöhnlich warm für Ende Oktober.

Nur geringer Beifall, sonst eisiges Schweigen. Die Männer stapften aus dem Raum bildeten Grüppchen an den Stehtischen mit den Kaffeekannen und Spekulatiustellern.

Andrea fand einen leeren Tisch und stand dort allein. Einsam ist der Beginn der Frauenbewegung und vielleicht jeder gesellschaftlichen Erneuerung, hatte sie irgendwo in einem schon ziemlich alten Buch gelesen.

Da trat einer der Weihnachtsmänner an ihren Tisch. „Liebe Kollegin, wenn ich das so sagen darf, was soll der Aufstand, warum machen Sie es sich so schwer? Nehmen Sie doch einfach die Rolle des Weihnachtsmanns an. Sie haben sie doch eben noch verblüffend gut gespielt. Die meisten von uns hielten Sie bis zuletzt für einen Mann.“

Andrea schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, dass die Tassen hochsprangen und der Kaffee überschwappte. „Kollege, wenn ich das so sagen darf, Sie haben nichts verstanden, gar nichts! Welches Kind glaubt noch an Sie und lässt sich von der albernen Kostümierung beeindrucken!“ Bei diesen Worten griff sie in seinen Bart und zerrte daran, aber der Bart hielt stand, war nicht angeklebt, sondern natürlich gewachsen.

Von ihrer lauten Stimme angelockt, traten andere Weihnachtsmänner herzu, die ein Handgemenge befürchteten, aber der Bedrohte nahm den Übergriff gelassen: „Frau Wald, was ereifern Sie sich so!“ Und zu den Kollegen im Kreis sagte er: „Ich wollte sie nur ermutigen, unserer Berufsgruppe beizutreten, die wunderschöne Aufgabe mit uns gemeinsam auszuüben, natürlich in der traditionellen Kleidung.“ Allgemeines, zustimmendes Nicken.

Andrea versuchte es ein letztes Mal: „Es wird Zeit, dass der Weihnachtsmann abtritt und Weihnachtsleute anderer Geschlechter die Aufgabe übernehmen. Auch glauben ja viele nicht mehr an die christliche Weihnachtsgeschichte, wo – von Maria abgesehen – das Personal komplett patriarchalisch aufgestellt ist. Es beginnt mit dem heiligen Nikolaus und seinem Knecht Ruprecht und endet bei den Heiligen Drei Königen; Gottvater, Josef, der Herbergsvater, das Kind in der Krippe, die Hirten, Ochs und Esel – alles männliche Wesen, sogar die Engel sollen Männer gewesen sein …“

Da hielt der Versammlungsleiter die Pause für beendet und erinnerte an weitere Programmpunkte. Doch einer der Männer, Tim Winter hieß er, meinte, die Debatte sei geradezu brisant, als dass man mit der Tagesordnung fortfahren könne. Er würde gern die Diskussion im Plenum weiterführen und danach zum gemütlichen Teil des Abends übergehen wollen.

„Gemütlich von wegen! Die beiden haben sich in die Haare gekriegt!“, rief einer. „Wo soll das enden!“

Die Gruppe spaltete sich. Protest und Zustimmung hielten sich die Waage. Ein paar Kollegen, die sich für Andreas Ansichten interessierten, blieben da. Die anderen zogen hohnlachend und schimpfend von dannen.

„Wie also wollen Sie zu Weihnachten in Erscheinung treten, Frau Wald, ohne die traditionelle Kostümierung?“, fragte einer und ein anderer: „Wie möchten Sie genannt werden?“

„Ich möchte meine gewöhnliche Kleidung tragen und mit meinem Namen angesprochen werden, wie denn sonst“, antwortete Andrea, „und für Kinder, die der Weihnachtsfrau ihre Wünsche schreiben wollen, meine richtige Adresse angeben.“

„Da stimme ich Frau Wald zu“, sagte Tim Winter, „Schneeflocken­straße – wer sich das ausgedacht hat! Ob das eine Geschäftsidee der Post war? Und auch diesen Mythos, dass es nur einen Weihnachtsmann gibt, sollten wir den nicht abschaffen?“

Andrea sah ihn dankbar an. „In allen Stadtvierteln sollten mehrere Weihnachtsleute tätig sein“, sagte sie.

„Aber wie soll das finanziert werden?“, mischte sich ein Kollege ein. „Wer soll vor allem die Geschenke bezahlen? Wenn wir um mehr Ehrlichkeit in unserem Beruf bemüht sein wollen, wenn also die Weihnachtsfrauen und -männer die Geschenke machen, die auf den Wunschzetteln der Kinder stehen und nicht die Eltern, dann kostet das doch Unsummen …“

„Da stellt sich die Frage, was unserem Staat seine abendländische Weihnachtskultur wert ist. Bedenkt man, was Konzernbosse, Fußballer oder Superstars verdienen, dann müsste für Weihnachtsleute auch etwas mehr übrig sein.“ Dem wurde mehrheitlich zugestimmt.

„Woher haben Sie bisher bloß diesen Idealismus genommen, unbe­zahlt Weihnachtsgeschenke zu machen?“, fragte Tim Winter.

„Wissen Sie, ich lebe allein.“ Andrea traten Tränen in die Augen. „Ich habe keine Kinder, weder eigne noch angeheiratete Stiefkinder oder Enkelkinder, auch keine Nichten und Neffen, auch keinen Mann …“ Sie bekam ein Taschentuch gereicht und schnäuzte sich. Die Weihnachtsmänner mussten sie trösten; Herr Winter legte ihr sacht den Arm um die Schulter.

„Ich bin an den Heiligen Abenden zu Familien mit Kindern gegangen, von denen ich ahnte oder wusste, dass sie nicht gerade zu den Wohlhabenden gehören.“

„Erstaunlich!“, „Ausgesprochen lobenswert!“, „Dafür sollten Sie den Bundesverdienstorden kriegen“, hörte sie und spürte immer noch Tim Winters Hand an ihrem Oberarm. Ein angenehmes Gefühl. Würde er mich heiraten, hießen wir Winter-Wald, dachte sie und musste lächeln.

Christoph Kuhn, Autor der Weihnachtsgeschichte, wurde 1951 in Dresden geboren, studierte Augenoptik in Jena und Literatur in Leipzig. Seit 1989 ist er freier Schriftsteller.

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