Das Buch als Werkzeug und als Kulturgut

Gastland Georgien präsentierte sich auf der Frankfurter Buchmesse 2018.
Foto: Stephan Morgenstern

Impressionen von der Frankfurter Buchmesse 2018

Die Welt scheint aus den Fugen. Die vertraute Ordnung wankt, die Attraktivität des Westens schwindet, nationale Fliehkräfte bedrohen Europa. Rechtsextremes Denken wird plötzlich wieder salonfähig. Angesichts drängender Zukunftsaufgaben wie Klimawandel und Migration verharrt die Politik in Stagnation. Zu groß ist die Angst vor dem nächsten Schritt, der ins Ungewisse führt. Alle die Fragen und Nöte, die uns gerade bewegen, fanden Eingang in die Frankfurter Buchmesse, in Büchern, Gesprächsrunden, Aktionen.

„Wir müssen reden“, mahnte das zum zentralen Ort ausgestaltete Forum Weltempfang. Als Kompass durch die Debatten diente das Motto der diesjährigen Messe: die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die vor 70 Jahren verkündet wurde.

Vielleicht lag es an diesem Kompass und nicht nur an der Sommerstimmung im Innenhof, dass sich die Messe entspannter anfühlte als sonst. Zwischen den Terminen konnte man sich durch die Hallen treiben lassen, ab und zu fiel etwas Besonderes ins Auge. „Everything exists to end as a book, war an einem Stand zu lesen, der besonders edel gestaltete Bücher anbot. Das sei von Jorge Louis Borges, lachte der junge Verleger, vielleicht aber auch nicht, und es würde ohnehin bald heißen „to end as instagram.“ Google hilft: das Zitat stammt von Mallarmé. Bei Borges dagegen finden sich die schönen Sätze: „Von allen Werkzeugen, die der Mensch besitzt, ist das erstaunlichste zweifellos das Buch … Das Buch ist eine Verlängerung des Gedächtnisses und der Vorstellung.“

Blick in die Halle
Foto: Stephan Morgenstern

In der Fülle der Bücher blättert die Messe das kulturelle Gedächtnis der Menschheit auf. Hier lässt sich nachvollziehen, wie das Wissen und die Erfahrung aus Jahrtausenden und aus allen Ecken der Welt in immer wieder neuen Geschichten, Bildern und Symbolen verdichtet, vermischt, verarbeitet und weiterentwickelt werden, ob als Handschrift, als gedrucktes Buch oder in digitaler Form. Georgien zum Beispiel: das kleine Gastland präsentierte sich als eine der ältesten christlichen Kulturen überhaupt, mit 33 wunderbar rätselhaften „characters“, Buchstaben eines Alphabets, das die UNESCO 2016 in das immaterielle Kulturerbe aufgenommen hat. Georgien sei ein Land der Poesie, wurde erzählt. Da gab es Könige, deren Gedichte schöner waren als ihre Politik; deshalb sind es auch die Verse, an die man sich erinnert. Historisches stand ganz allgemein hoch im Kurs. Alle sechs Titel der Shortlist zum Deutschen Buchpreis weisen historische Bezüge auf. Es scheint derzeit ein großes Bedürfnis zu geben, die Welt zu verstehen, in ihrer Geschichte, in ihren Zusammenhängen.

Verlängerung des Gedächtnisses

Die diesjährigen Friedenspreisträger Aleida und Jan Assmann haben sich ein Leben lang mit dem kulturellen Gedächtnis beschäftigt. So wie der einzelne Mensch ohne sein Gedächtnis verloren ist, so braucht auch die Gesellschaft ihr Gedächtnis, um sich selbst zu begreifen und ihre Zukunft sinnvoll zu gestalten. Ein Gedanke von großer Aktualität in einer Zeit, in der der Kampf um die Deutung der deutschen Geschichte wieder neu entbrannt ist. Erst die schonungslose Beschäftigung mit den dunklen Phasen dieser Geschichte hat die Entwicklung eines neuen Wertesystems ermöglicht, wie es sich im Konzept der Menschenrechte darstellt, und unserem Land wieder eine Zukunft gegeben.

Die Meinungs- und Informationsfreiheit (Art. 19 der Menschenrechte) sind Voraussetzung dafür, dass es die Buchmesse in ihrer heutigen Form gibt. 70 Jahre Menschenrechte, 70 Jahre Buchmesse nach dem Zweiten Weltkrieg – die beiden Jubiläen wurden bewusst verknüpft, schon bei der Eröffnung der Messe. Die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini lieferte ein leidenschaftliches Plädoyer für Europa und die Rolle der europäischen Kultur bei der Wahrung der Menschenrechte: „diversity is our identity“. Bei der Einweihung des neuen Frankfurter Pavilions warnte Frank Walter Steinmeier nachdrücklich vor einer „Faszination des Autoritären“ in Europa. Später, als Denis Yücel zum Gespräch eintraf, musste der Pavilion wegen Überfüllung geschlossen werden. Auf der Bühne des Weltempfangs wurde in allen Sprachen der Welt debattiert, die Übersetzer stellten ihre vermittelnde Kraft unter Beweis.

Salon Weltempfang: „Translation Slam“ mit Andreas Jandl, Ingo Herzke, Isabel Bogdan und Tanja Handels.
Foto: Stephan Morgenstern

Und während am Samstag in Berlin eine Viertelmillion Menschen für eine offene Gesellschaft auf die Straße gingen, wurde auch in Frankfurts Innenstadt demonstriert, zu Füßen des großen Dichters Goethe. Die europäische Zivilgesellschaft, das war die Botschaft, ist nicht bereit, ihre Zukunft reaktionären nationalistischen Kräften zu überlassen.

Gesellschaft offen und lebendig halten

Im Gegensatz zum vergangenen Jahr gelang es den rechten Verlagen nicht, die Diskussion nennenswert zu bestimmen. Es gab einigen Ärger und aufgeheizte Stimmung beim Auftritt Björn Höckes. Ärger gab es auch um Vera Lengsfeld und ihre Lesung am Stand des als Loci verkleideten Antaiosverlages. Aber großen Eindruck auf den Messebetrieb machte das alles nicht. Viele Stände – allerdings eher die kleineren – zeigten das Logo der Aktion #verlagegegenrechts, die auch vom VS unterstützt wird.

Umso deutlicher war der Einfluss der Digitalisierung auf die Buchbranche zu spüren. Die Bücherflut nimmt zu, die Trauben um den Amazon-Stand werden von Jahr zu Jahr größer. Autoren werden zunehmend als Marke inszeniert, Selfpublisher professionalisieren ihr Marketing im Internet. Follower, Buchblogger und Influencer gewinnen an Bedeutung. Schon wird KI-Software angeboten zur Vorhersage des nächsten Bestsellerautors. Langsam aber sicher beginnt sich Konventionelles und Digitales zu vermischen. Hybridautoren sind keine Seltenheit mehr, der Börsenverein beteiligt sich an einem neuen Buchblog-Award. Da gerade jüngere Leser zu den sozialen Medien und anderen digitalen Angeboten abwandern, verschärft sich der Kampf um ihre Aufmerksamkeit. Das muss nichts Schlechtes sein. Es gibt nun auch in Frankfurt, wie in Leipzig, ein Fest des Lesens in der Stadt. Die Literatur zeigt sich lebendig, in welcher Gestalt auch immer, und hat an Faszination nichts verloren. Und die wie immer herzerfrischende Verleihung des Jugendliteraturpreises im von Leseratten überquellenden Saal macht Hoffnung: Nicht alles wird als Instagram enden. Es gibt eine Sehnsucht nach dem Buch, nach Konzentration, Entschleunigung, nach Stille. Deshalb darf eines nicht passieren: das Buch, das erstaunlichste Werkzeug, das der Mensch besitzt, darf nicht zur reinen Ware werden; nicht zum Diener des ästhetischen Kapitalismus. Es muss Gedächtnis und Vorstellung der Gesellschaft offen und lebendig halten. Es muss Kulturgut bleiben.


Treffen am Stand des VS

Der VS präsentierte sich bei der Frankfurter Buchmesse gemeinsam mit dem PEN-Zentrum Deutschland. Die Zusammenarbeit in Halle 4.1 war wieder bestens. Am großzügiger gestalteten Stand plakatierten wir zusätzlich den VS-Kongress in Aschaffenburg vom 14. – 17. Februar 2019. Das vorläufige Programm kann hier aufgerufen werden. 

Lena Falkenhagen (l.) und Eva Leipprand am VS-Stand
Foto: Stephan Morgenstern

Klaus Staeck hat das Plakat für den Kongress gestaltet. Er kam mit seiner Frau vorbei und sah es selbst zum ersten Mal ausgedruckt. Wir freuen uns, dass wir ihn für die Gestaltung gewinnen konnten. Auf dem Stand halfen die Kollegen vom hessischen Landesverband, die Besucher zu informieren und Fragen zu beantworten.

Sowohl der VS als auch der VdÜ am eigenen Stand in Halle 4.1 waren wieder aktiv auf der Messe unterwegs. Der VS traf sich mit Gerhard Ruiss vom österreichischen Schriftstellerverband »IG Autorinnen und Autoren« und Nicole Pfister Fetz, der Geschäftsführerin des Verbands »Autorinnen und Autoren der Schweiz«. Die Vernetzung auch über Landesgrenzen hinweg ist uns wichtig. Wir nutzten die Messe zudem zu einem informellen Treffen des Netzwerks Autorenrechte. (Text: Gabriele Loges)

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