Bayerischer Bismarckhering

Trau nie einem Franken, der sagt, »Bayern ist ein Kulturstaat«, selbst wenn du ein hungerleidiger Künstler bist. Weil, die Franken haben es Napoleon bis heute nicht verziehen, dass er sie an Bayern verschachert hat. Es sei denn, man ist ein Integrationsstreber wie der Markus Söder. Warum also behauptet der »Maggus« sowas? Will er damit rechtfertigen, warum er jetzt doch den Künstler*innen den Schutzschirm hält, aber die Soloselbständigen im Corona-Regen stehen lässt?

Markus Söder, Fachmann und Betroffener in Sachen fränkischer »Asyltourismus«. Der Aufsteiger in der Corona–Krise. Der sein Heimatministerium wie ein bajuwarisches Spenderherz ins fränkische Nürnberg verpflanzt hat, in den Schatten der Lorenzkirche. Lorenz, der heilige Laurentius, Schutzpatron von Berufen, die mit offenem Feuer zu tun haben. Das derzeit geschürt wird durch unzählige offene Briefe von Künstler*innen und Soloselbständigen, die von der Corona-Soforthilfe ausgeschlossen wurden wie echte Männer aus einem Baumarkt. Bis der Spaßbruader Volker Heißmann aus Fürth dem Markus durch die Blume ins Gesicht gespritzt und ihn daran erinnert hat, wie er das Feuer löschen kann, dass er die Künstler*innen nicht vergessen darf. Und Sacklzement!, es dauert keine vierundzwanzig Stunden, schon verspricht der Markus Söder den Künstler*innen, die in der Künstlersozialkasse (KSK) versichert sind, 1.000 Euro für drei Monate.

Natürlich beruhigt die Künstler*innen der Duft von gebratenen Schäfchen im Trockenen. Die Sorgen derer, die nicht in der Künstlersozialkasse sind, und von anderen Soloselbstständigen sollen jetzt erst einmal an ihnen vorbeigehen. Wo auch immer. Was auch den Volker Heißmann aus Fürth treffen wird, weil Kabarettist*innen genauso wenig wie Schauspieler*innen und Synchronsprecher*innen nicht in der KSK versichert sind. Das ist bitter, alldieweil sie ja mal zusammen auf die Jagd gegangen, in Kälte und Nässe auf der Lauer gelegen sind, natürlich immer mit einem Mindestabstand von zwei Metern. Will sagen: Dafür gekämpft haben, dass sie wie Adidas auch Unterstützung in der Corona-Krise erfahren. Weil sie, wenn überhaupt, nur Betriebskosten für einen Fuhrpark von Matchbox-Autos oder Ameisen als Angestellte im Wohnzimmer anmelden können, weil die Natur jetzt zurückkehrt. Aber du siehst selber, so wird da kein Sportschuh und vor allem keine Corona-Soforthilfe daraus.

Und dann hat der Markus nun den Bismarckhering aufgetischt. Genau der Markus, der Hartz IV für Künstler*innen als Alternative bezeichnet und in seiner Jugend über seinem Bett das Poster vom Franz Josef Strauß hängen gehabt hat. Wahrscheinlich hat der Strauß ihm im Traum zugeflüstert: »Bua, du musst versuchen, die arbeitenden Klassen zu gewinnen, oder soll ich sagen … bestechen, den Staat als soziale Einrichtung anzusehen, die ihretwegen besteht und für ihr Wohl sorgen möchte«. Genauso, wie es der Ottto von Bismarck schon gesagt und gecheckt und deswegen die Sozialversicherung in Deutschland eingeführt hat. Und auch der König Ludwig der I. hat aus Angst vor einer Revolution Museen bauen lassen, um das Volk zu befrieden. Brot und Spiele quasi. Und so entstand der »Kulturstaat«.

Und wenn man als Künstler*in jetzt, wie viel zu oft in der letzten Zeit, am Esstisch sitzt und der Hering den salzigen Duft des Meeres verströmt, kann man die Kolleg*innen draußen, denen das Wasser bis zum Hals steht, ganz schnell vergessen. Vergessen sollte man aber nicht, was die Preißn von Ton Steine Scherben gesungen haben. »Allein machen sie dich ein.« Vielleicht sogar zu einem bayerischen Bismarckhering.


In einer Pressemitteilung vom 23. April, dem Welttag des Buches und des Urheberrechts, betont ver.di-Bundesvorstandsmitglied Christoph Schmitz: „Aktuell fordern wir zu allererst, dass die Hilfspakete des Bundes und der Länder so adressiert werden, dass Hilfe auch bei Soloselbstständigen und projektbezogen Tätigen ankommt.“

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