Autoren auf Rhodos: Nobody is an Island

Morgenkaffee auf dem Hügel über Rhodos Stadt und dem Meer
Foto: Imre Török

Kann man sich einen internationalen Workshop an einem schöneren Ort als auf der griechischen Sonneninsel Rhodos vorstellen? In einem Zentrum für Schriftsteller*innen und Übersetzer*innen auf einem Hügel mit Blick hinunter auf Rhodos Stadt und das Meer. „Nobody is an Island“ lautete das Leitthema der fünftägigen, literarischen Werkstatt im Jahr 2019.

Ende Mai kamen in diesem „International Writers‘ and Translators‘ Center of Rhodes“ Teilnehmer aus zahlreichen Ländern von Island bis Georgien zu einem literarischen Workshop und zur anschließender Vollversammlung des „Three Seas Writers‘ & Tranlators‘ Council“ (TSWTC). zusammen. Eingeladen hatte Gino Leineweber, seit sechs Jahren Präsident des TSWTC.

Das Zentrum und der Beirat (Council) hängen seit der Einrichtung des Hauses auf Rhodos 1996  eng zusammen. Schriftstellerverbände und Übersetzerverbände aus ganz Europa sind nämlich Gründungsmitglieder, nicht zuletzt der Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS), dessen Mitglied Gino Leineweber ist.

Seither steht das abseits vom touristischen Trubel gelegene, von Feigenbüschen, Palmen, Agaven umgebene Anwesen mit seinen zehn Gästezimmern und einem Tagungsraum ganzjährig Worturhebern, Künstlern, Komponisten und Wissenschaftlern aus aller Welt offen – bevorzugt den Mitgliedern der Gründerverbände.

Ergebnisse in einer Anthologie

An dem diesjährigen Treffen mit Workshop und Generalversammlung nahmen von den insgesamt fünfzehn Mitgliedsverbänden des TSWTC Wortschöpfer aus Griechenland, der Türkei, Georgien, Italien, Island, Litauen, Lettland, Polen und Deutschland teil. Mit dabei auch zwei ehemalige Bundesvorsitzende des VS, Uwe Friesel und der Verfasser dieses Beitrags.

Gruppenarbeit während des internationalen Workshops (v. l. n. r.): Gino Leineweber (Deutschland), Dalia Staponkute (Litauen) , Anna Nasilowska (Polen), Imre Török (Deutschland), Fríða Ísberg (Island), Claudia Piccinno (Italien), Lily Exarchopoulou (Griechenland), Uwe Friesel (Deutschland)
Foto: Mesut Senol

Gespräche, Austausch, kritische Diskussionen füllten in einer arbeitsintensiven, kollegialen Atmosphäre das Haus. „Nobody is an Island“ – die Thematik hat uns nicht nur im Zentrum beschäftigt, sondern auch im lauschigen Innenhof oder beim gemeinsamen Abendessen in Gaststätten unten in der belebten Stadt.

Für konzentriertes Arbeiten aber bevorzugten wir die Innenräume des Zentrums. Hier haben wir die bereits mitgebrachten thematischen Entwürfe vorgestellt und sie ausführlich diskutiert. Diese Fragen gerade auf einer Insel anzugehen stellte sich als besonders spannend heraus. Gab doch allein schon die Geschichte des Zentrums, über die Mitinitiator Uwe Friesel viel zu erzählen wusste, einiges an Stoff her. Zudem fanden die Europawahlen in jenen Tagen statt, für eine Gruppe aus verschiedenen europäischen Ländern geradezu ein Wink mit dem Zaunpfahl, sich mit Nationalismus, Populismus und rechtsextremen Strömungen als enorme Gefahren für die EU auseinanderzusetzen. Dass Länder und Gesellschaften sich nicht unbeschadet für sich selbst und für das Ganze auf eine egozentrische Inselsituation zurückziehen können und dürften, spielte dann auch in einigen Entwürfen und Texten eine Rolle.

Insbesondere Anna Nasilowska, Präsidentin des polnischen Schriftstellerverbands, wusste erdrückend und bedrückend viel über die Politik in ihrer Heimat zu erzählen. Weitere Geschichten, Essays, Romanausschnitte gingen die Thematik autobiographisch an oder bezogen sich auf andere Ereignisse in ihren Ländern. Nachdenklich hier, fabulierend humorvoll dort. Besonders beeindruckend waren die Gedichte, die wir hören und besprechen durften, so von der jungen isländischen Lyrikerin Fríða Ísberg und dem türkischen Autor und Lyriker Mesut Senol.

Eine Exkursion zu den Ruinen der antiken Stätte Kamiros auf Rhodos hat den Workshop abgerundet.

Unsere fertigen Beiträge wird man in einer Anthologie lesen können, die im Frühjahr 2020 im deutschen Verlag Expeditionen erscheinen wird.

Im Laufe der Jahre hat die internationale Kooperation im und mit dem Zentrum etliche Veröffentlichungen hervorgebracht, zuletzt die Anthologie „Wayfarers“, Geschichten, Essays und Gedichte zum Thema Fremdheit und das Fremde in uns, herausgegeben von Gino Leineweber im besagten Verlag.

Wie weiter?

Die Vollversammlung des TSWTC im Anschluss an den Workshop hat sich eingehend mit der Situation vor Ort beschäftigt. Bedingt durch die Finanzkrise in Griechenland war der Fortbestand des Zentrums bereits vor Jahren ernsthaft gefährdet.

Die Direktorin des „International Writers’ and Translators’ Centre of Rhodes“ Nancy Tryposkoufi und ihre Mitarbeiterin Maria Spanous im Büro des Hauses.
Foto: Imre Török

Das Problem ist nach wie vor akut. So hat sich z. B. die Zahl der Mitarbeiter von zwölf auf vier reduziert. Viele Aktivitäten, wie die Zusammenarbeit mit örtlichen Schulen, der Universität und mit Einrichtungen auf benachbarten Inseln, leiden unter dem unhaltbaren Zustand. Die Bereitstellung der Räumlichkeiten für internationale Gäste konnte dank Bemühungen der Leitung des Hauses in der Regel gewährleistet werden.

Die beunruhigende Situation hat die Vollversammlung veranlasst, die Amtszeit des TSWTC-Vorstands um ein Jahr zu verlängern. Kooptiert wurde zudem der auf der Insel beheimatete Lyriker und Autor Suleiman Tsialik. Rhodos hat im Juni einen neuen Bürgermeister gewählt, und es ist angebracht, dass ein erfahrener Vorstand die Gespräche über den Fortbestand dieser großartigen internationalen Einrichtung weiterführt.

Imre Török war Bundesvorsitzender des VS von 2005 bis 2015.

 

 

 

 

 

 

nach oben

weiterlesen

Ein Plädoyer gegen die Bescheidenheit

Regine Möbius, die bislang erste und einzige Kulturbeauftrage von ver.di, hatte ihr Amt seit 2007 inne. Nun will sie – die 75 hat sie unglaublicherweise schon durchschritten – den Auftrag in jüngere Hände geben. Auf dem ver.di-Bundeskongress soll neu gewählt werden. Die Kunstfachgruppen haben sich auf Dr. Anja Bossen als Kandidatin geeinigt. Beide – die Schriftstellerin und die Musikerin und Musikpädagogin – haben sich inzwischen getroffen und Erfahrungen ausgetauscht. Nun mischten auch wir uns ins Gespräch.
mehr »

VS-Forum zum neuen EU-Urheberrecht: Wie weiter?

Im April hat das EU-Parlament die umstrittene Urheberrechtsrichtlinie beschlossen. Der Bundestag soll sie nun in nationales Recht umsetzen – aber wie könnte das aussehen? Und wie wollen wir uns als Urheberinnen und Urheber zu den wesentlichen Punkten positionieren und Einfluss nehmen? Zu diesen Fragen fand am 23. Juli in München eine lebhafte Diskussion statt.
mehr »

An der Streikidee scheiden sich noch immer die Geister

„Können Schriftsteller*innen streiken?“ war die Frage. Vor 50 Jahren erstmals erwogen, fällt die Antwort scheinbar noch immer so negativ wie unbefriedigend aus. Auch um die aktuelle Arbeits- und Lebenssituation sollte es in einer Veranstaltung gehen, die der VS Berlin am Vorabend des 50. Verbands-Jubiläums in Kooperation mit dem Literaturforum im Brecht-Haus organisierte. Gute Idee, fanden etliche Interessierte, denen ihre Teilnahme am Pfingstfreitagabend sogar ein Eintrittsgeld wert war.
mehr »

Literatur, Politik und Bildung kompakt

Die diesjährige ver.di-Literaturtagung 2019 „Widerstand ist nichts als Hoffnung“ hat sich vom 31. Mai bis 2. Juni mit fundierten Vorträgen, in zahlreichen Workshops, bei einer Lesung und mit einem Liederabend des Themas Widerständigkeit angenommen - in seinen unterschiedlichsten Facetten. René Char, französischer Schriftsteller und Résistancekämpfer, gab der seit 14 Jahren stattfindenden Tagung, die Literatur und Politik zusammendenkt, diesmal den Titel.
mehr »