Künstler an Theatern und Bühnen im Blick

Wortmeldung auf der Konferenz der ver-di-Bundesfachgruppe Darstellende Kunst.
Foto: Christian von Polentz

Erkämpfte Tarifverträge, öffentlichkeitswirksame Aktionen und Vernetzung mit anderen Interessenverbänden, das sind Ergebnisse ihrer Arbeit in den vergangenen Jahren, auf die die Delegierten der 5. Bundesfachgruppenkonferenz Theater und Bühnen, Kulturelle Einrichtungen mit Stolz blickten. Sie debattierten am 25. und 26. Januar 2019 in Berlin über künftige Vorhaben und beschlossen, dabei das künstlerische Personal noch stärker in den Blick nehmen.

Schlaglichter aus dem Geschäftsbericht beleuchten Tarifverträge für das Staatsballett Berlin und den Friedrichstadtpalast sowie für die Stage-Musicalbühnen bundesweit, aktive Beteiligung an den Tarifrunden Öffentlicher Dienst, aber auch Aktionen wie #rettedeintheater – Keine Kulturwüste in Niedersachsen! oder die erstmalige Wahl eines Betriebsrates für Elbphilharmonie und Laeiszhalle in Hamburg.

Vorstandsmitglieder ergänzten zudem mündlich. So sprach Gregor Leschig, Vertreter der Freien im Gremium, über sein Bemühen, Kontakte zu Schauspielschulen zu knüpfen, um junge Akteure „fit zu machen für die Erwerbsseite ihres Berufes“, sie über Urheberrechtsfragen, aber auch die notwendige soziale Absicherung zu informieren. „Da müssen wir von ver.di noch aktiver werden“, meinte Leschig, der sich als Vertreter im Fonds Darstellende Künste auch um die Förderproblematik kümmert, mehr Verteilungsgerechtigkeit und Transparenz fordert.

Markus Staut hat sich um die internationalen Beziehungen gekümmert und Kontakt zur FIA (International Federation of Actors), zu MEI (Medien Entertainment International) unter dem Dach von Uni Global Union sowie zur European Arts and Entertainment Alliance (IAEA) geknüpft und sich als ver.di-Vertreter eingebracht. Er vertritt die Beschäftigteninteressen auch im auf EU-Ebene laufenden Sozialen Dialog. Aus diesem Dialog heraus hat eine Arbeitsgruppe kürzlich EU-weite Standards für die Berufe Beleuchtungstechniker, Stellwerker und Lichtdesigner entwickelt.

Dass die Fachgruppe vor allem im Tarifbereich „viel gemacht“ und einiges erreicht habe, bekräftigte Roland Sittner, der auch als Mitglied in der ver.di-Bundestarifkommission für den Öffentlichen Dienst aktiv ist. Er erinnerte an die Chancen, die sich seines Erachtens aus der Öffnung des Geltungsbereiches des Tarifvertrages ÖD ergeben, seitdem künstlerische Beschäftigte dort nicht mehr ausgeschlossen sind.

Gemeinsam Ziele angehen oder Parallelstrukturen verhindern?

Die Debatte konzentrierte sich zunächst auf die Frage, wie künftig mit potenziellen neuen Verbündeten, etwa dem „Ensemble Netzwerk“, umgegangen werden soll. Unterschiedliche Erfahrungen vor Ort wurden vorgetragen.

Foto: Christian von Polentz

Während das „Ensemble Netzwerk“ am Staatstheater Stuttgart als „nicht wahrnehmbar“ bezeichnet wurde, sah die Berlinerin Ruth Spichtig ein überlegtes „Zusammentun als notwendig“. Sie erwies auf partiell gleiche Ziele. „Wir dürfen nicht einschlafen, sonst verlieren wir die Kolleginnen und Kollegenen im künstlerischen Bereich wieder“, warnte auch Schauspielerin Leonore Frankenstein, während der Bayer Heiko Steinbrecher „differenzierte Betrachtung“ anmahnte; das seien bislang keine Gewerkschaften, „Parallelstrukturen“ dürften nicht entstehen. „Was bieten wir für Künstler?“, fragte Michael Piotrowski aus Hannover, wo am Staatstheater im Betriebsrat gut zusammengearbeitet werde, bei der Bezahlung, gar tariflich aber sofort Grenzen gesetzt seien. Roland Sittner sah Möglichkeiten der Zusammenarbeit, da die „Netzwerker“ zumeist jung und spritzig seien, während „ver.di weiß, wie Tarifverträge gehen“. Insofern habe die Fachgruppe sehr wohl „etwas anzubieten“. Bei Kontakten zwischen den Vorständen seien Bedingungen einer strategischen Zusammenarbeit und der Konzentration auf bestimmte Häuser vereinbart worden. Diskutanten betonten, wie wichtig es sei, Mitglieder auch unter künstlerischen Beschäftigten und gerade in Schwerpunkthäusern zu gewinnen, die als Pilotprojekte gemeinsam vorangebracht werden könnten.

Christoph Schmitz, designierter neuer Leiter des geplanten größeren ver.di-Fachbereichs unter Einbeziehung von Finanzdienstleistern, Telekommunikationsarbeitern und Ver- und Entsorgern, stellte sich auch bei den darstellenden Künstlern vor. Er sah in der Neustrukturierung „gemeinsame Herausforderungen, aber auch die Chance, voneinander zu lernen“. Den Kulturfachgruppen komme weiterhin große Bedeutung für einen offenen, demokratischen und diskriminierungsfreien gesellschaftlichen Diskurs zu. Die Veränderungen in der Arbeitswelt, die Erosion herkömmlicher Erwerbsbiografien – für all das gäbe es in den Kunstfachgruppen Erfahrungen. Immer ginge es für ver.di als „größter Selbstständigenorganisation in dieser Republik“ zugleich um die ästhetische und die politischer Komponente sowie darum, „dass Kunst auch für die Bildung der breiten Bevölkerung unverzichtbar“ sei. In der Debatte betonten Redner wie Mark Brose die Wichtigkeit der identitätsstiftenden Fachgruppen oder äußerten wie Michael Piotrowski die Sorge, dass es an fachkundigen, spezialisierten Betreuungssekretär*innen mangeln werde. „Durch die Bündelung fällt keine einzige Stelle weg“, versicherte Schmitz. Doch wahr sei auch, es gehe nicht einfach weiter wie bisher, „ehrenamtliche Arbeit wird künftig noch wichtiger.“

Beschäftigte kollektiv und sozial absichern

Die Konferenz hatte sieben Anträge zu behandeln, von denen sich die Mehrzahl mit der Stärkung der Arbeit für die künstlerisch Beschäftigten in Theatern und Bühnen befassten. So soll das Engagement verstärkt werden, „um eine bessere existenzielle, soziale und kollektivrechtliche Absicherung der künstlerisch Beschäftigten“ zu erreichen. Es entspann sich eine längere Debatte, was es bedeute, dies auf Basis „bedingungsgebundener Gewerkschaftsarbeit“ durchzusetzen.

Besiegelt und beschlossen: Abstimmung auf der Bundeskonferenz der ver-di-Fachgruppe Darstellende Kunst
Foto: Christian von Polentz

Doch wurden dieser Antrag und weitere, bei denen es um die soziale Sicherung Soloselbstständiger und die Erarbeitung tariflicher Konzepte angesichts fortschreitender Digitalisierung bei Theatern und Bühnen geht, allesamt nahezu einstimmig angenommen.

Technologische Herausforderungen und Qualifikation

Anregungen und Fakten zum Nachdenken lieferte Gast Hubert Eckart.
Foto: Christian von Polentz

Mit den Herausforderungen von „Theater 4.0“, modernen technologischen Entwicklungen und den Anforderungen an Qualifikation und Berufsbilder, befasste sich ein Vortrag, zu dem Hubert Eckart als Referent eingeladen war. Rasanten technischem Fortschritt – „selbstfahrende Podeste und Errungenschaften des Smart Home kennen wir am Theater schon längst“ – stünde eine „zunehmende Hilflosigkeit“ bei der Beherrschung gegenüber. Deshalb bestehe großer Reformbedarf, diagnostizierte der Experte von der Deutschen Theatertechnischen Gesellschaft. Klassische künstlerisch-handwerkliche Berufe würden weiter benötigt, die Ausbildung müsse jedoch – wie bei Fachkräften für Veranstaltungstechnik und Mediengestaltern – stetig den Erfordernissen der Praxis angepasst werden. Dabei gehe es „nicht nur um die Prüfungsordnungen, sondern um Qualifikationsbedarf und kompetenzorientiertes Lernen“.

Den Wahlen zum Geschäftsführenden Bundesvorstand der Fachgruppe ging eine ausführliche Vorstellung der Kandidatinnen und Kandidaten voraus, in der künftige Aufgaben und Erfordernisse beleuchtet wurden. So sah Roland Sittner den Schwerpunkt in der Tarifarbeit. Es müsse gelingen, ver.di-Tarifverträgen auch für künstlerische Beschäftigte näher zu kommen. Markus Staut will sich weiter internationalen Kontakten und der Digitalisierung widmen, auch Bundesseminare der Fachgruppe sollen diese Themen aufnehmen. Paula Gottschalg bringt Erfahrung als freigestellte Personalratsvorsitzende des Staatstheaters am Gärtnerplatz in München ein, während Ruth Spichtig über Expertise aus freischaffender Arbeit als Schauspielerin und Dokumentarfilmerin sowie in Sachen Projektförderung verfügt. Das Verhältnis Feste – Freie, Networking mit gleichgesinnten Interessenverbänden und das Thema Mindesthonorare für Freie beschrieb Gregor Leschig als weiterhin lohnendes Arbeitsfeld.

Dem neuen Vorstand wurde darüber hinaus nahegelegt, eine Arbeitsgruppe Varieté und Veranstaltungswesen zu initiieren, die sich mit der prekären Arbeitssituation in diesem Bereich befassen und Vorschläge diskutieren soll.

Abgestimmt und neu gewählt

Neben einem neuen Leitungsgremium wählte die Konferenz auch Delegierte des Fachbereiches zur ver.di-Bundesfachbereichskonferenz sowie Markus Staut als Vertreter der Fachgruppe Darstellende Kunst in die ver.di-AG Kunst & Kultur. Vorgeschlagen wurden Kandidaten für den Bundesfachbereichsvorstand sowie für die Bundestarifkommission Öffentlicher Dienst. Die Teilnehmer der Konferenz verabschiedeten einmütig eine Resolution zur Unterstützung des Tarifkampfes der Beschäftigten an der Kreismusikschule Dreiländereck.

Sie bilden den neuen Geschäftsführenden Vorstand der ver.di-Bundesfachgruppe Darstellende Kunst (v.l.n.r.): Roland Sittner, Ruth Spichtig, Gregor Leschig, Paula Gottschalg und Markus Staut.
Foto: Christian von Polentz

 

 

 

 

 

 

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