Jüdisches Leben: Eine Stadt in Aktion

Jüdisches Leben zurück holen - zumindest die Gedenksteine gelangten am 9. November von Hand zu Hand ins Zentrum Eisenachs.
Foto: Jutta Hartmann-Lotz

Ein stadtweites Kunst- und Demokratieprojekt erinnerte am 9. November 2018 an 240 jüdische Einwohner von Eisenach, die die Nazizeit nicht überlebten, in Konzentrations- und Arbeitslagern oder durch Freitod umgekommen sind. Mehr als 900 Menschen beteiligten sich: beim Bau von Gedenksteinen, in einer Menschenkette, an einem abendlichen Gedenkmarsch, an Straßentheater-Szenen, einem Informationsangebot per Smartphone oder mit Sendungen über „Jüdisches Leben in Eisenach“ auf „Wartburgradio“.

So wurde 80 Jahre nach dem Novemberpogrom 1938 vor neu aufkommendem Antisemitismus gewarnt. „Ich wollte aber nicht nur, dass erinnert wird. Ich wollte, dass jüdisches Leben sozusagen neu in die Stadt hineingebracht wird“, sagt Initiator und Organisator Hans Ferenz. Die Idee zu dieser Gedenkaktion sei ihm im Frühjahr während einer Projektwoche in der Oststadtschule in Eisenach gekommen. Der Autor und Journalist, der schon mehrere Erinnerungsprojekte geleitet hat, arbeitete dort mit Jugendlichen an dem Spiel- und Demokratieprojekt „WIR BIN ICH“ über Smartphone, das zum Nachdenken über Integration und Ausgrenzung von Menschen und Kulturen anregt. Es folgten Absprachen mit Eisenacher Verwaltungen, mit dem Bündnis gegen Rechtsextremismus, mit Polizei und Feuerwehr, mit Unterstützern wie dem Leiter des Kunst-Pavillions, Laienschauspielern und vielen freiwilligen Helfrn. Auch Öffentlichkeitsarbeit war nötig, das Projekt zum Laufen zu bringen. Am Anfang, sagt Ferenz, stand viel Organisation; die Beteiligung startete etwas zäh. Doch am Ende erwies sich die Aktion fast als Selbstläufer.

Hans Ferenz war beim Bauen ständig dabei, hier mit Schüler_innen beim Lackieren von Gedenksteinen.
Foto: Peter Schäfer

Die heiße Phase startete am 30. Oktober 2018 im Kunst-Pavillion: Jede und jeder konnten täglich von 10 bis 20 Uhr mitarbeiten. Am Ende waren es 229 Aktive, die dort an extra eingerichteten Arbeitstischen 240 „Gedenksteine“ gebaut haben. Abgeleitet vom Aussehen der bekannten Stolpersteine entstanden hohle Wellpapp-Würfel von 50 cm Kantenlänge, die am Ende gehärtet, brandsicher und wasserfest waren. Dafür mussten sie tapeziert, grundiert und mit einem Messinganstrich versehen werden. Ein Teil der Steine erhielt zusätzlich die Ortsnamen von Deportationszielen aufgespritzt. Beim Bau aktiv waren Einzelpersonen, die bis Erfurt entfernt wohnten, zwei Familien, eine Bürogemeinschaft, ein Jugendclub, eine kirchliche Gruppe, außerdem neun Klassen aus unterschiedlichen Einrichtungen, von der Förderschule bis zu Gymnasien und einer Berufsschule. Die Helfer beteiligten sich stunden- oder tagelang, mitunter bis in den späten Abend hinein.

Am 9. November, einen Freitag, formierte sich dann eine dichte Menschenkette zwischen Wartburgallee und der Fußgängerzone in der Karlstraßen, ehemals „Judengasse“, die einen ersten wichtigen Schauplatz des Geschehens bildete. Über 750 Meter zog sich die Strecke vom Kunst-Pavillion ins Stadtzentrum, auf der die Gedenksteine von Hand zu Hand weitergegeben werden sollten „320 Leute brauchten wir mindestens dazu, haben wir ausgetestet“, berichtet der Initiator, „fast 800 sind am Ende gekommen“. Die meisten waren Schülerinnen und Schülern von elf Schulen aus Eisenach, Bad Salzungen und Schmalkalden, aber auch Einwohner reihten sich ein. Von einer anfänglich heiter-fröhlichen Stimmung berichtet Hans Ferenz, die über die Dauer einer Stunde immer ernster und ruhiger wurde, weil offenbar „die schiere Menge“ der Steine und Schicksale ins Bewusstsein der Träger trat. Als aus einem kurz geöffneten Fenster plötzlich ein Eimer Wasser auf die Menschenkette und Umstehende traf, habe sich eine Stimmung von „Jetzt erst recht!“ breit gemacht, berichtet der Organisator.

Elias, Laura, Lozenz, Nelly (v.l.) und weitere Akteure aus dem Schmalkaldener Gymnasium stellten jüdische Mitbürger dar.
Foto: Jutta Hartmann-Lotz

Gegen 11 Uhr waren alle Gedenksteine in der Karlstraße angekommen. In der Einkaufsmeile tauchten junge Schauspieler aus dem Gymnasium Schmalkalden auf. Mit aschgrau geschminkten Gesichtern und in der Kleidung der 1940er Jahre trugen sie schweigend Koffer und Gepäckbündel zwischen Passanten und Gedenksteinen hindurch. Für Ihre Ausstattung hatten das Theater Naumburg und die Maskenbildner der Eisenacher Bühnen gesorgt. Dazwischen spielten Schüler_innen der Waldorfschule ein altbekanntes Hüpfspiel, das mit Kreide aufs Pflaster gemalt, statt mit Zahlen aber mit hebräischen Lettern beschriftet war. Unerwartet wie ein Flash-mob tauchte mehrfach eine Schülergruppe auf, die den überraschten Passanten ein umgedichtetes Gute-Nacht-Lied vorsang: „Weißt du, wieviel Sternlein stehen…“

Diesmal umgekehrt: In die Stadt hinein

Am Ende der früheren „Judengasse“ steht das Stadtschloss. Dort zeigte am Nachmittag das „Junge Theater“ des Landestheaters Eisenach seine Aufführung des dokumentarischen Einpersonenstücks „Zigeuner-Boxer“. Vorab erinnerten die Laien-Darsteller aus Schmalkalden auch hier an die deportierten Jüdinnen und Juden der Stadt.

Den Abschluss des Gedenkens an diesem 80. Jahrestag der Pogromnacht von 1938 bildete der in Eisenach traditionelle „Weg des Gedenkens“, vom örtlichen „Bündnis gegen Rechtsextremismus“ organisiert. Üblicherweise führt dabei der Gang aus dem Stadtzentrum zum Bahnhof Eisenach, an den Ort, von dem aus seinerzeit die deportierten Juden ihr Heimatstadt verlassen mussten. Diesmal, so überzeugte Hans Ferenz die Veranstalter, führte der Weg in umgekehrter Richtung – in die Stadt hinein, dorthin, wo früher die Synagoge stand. Neben Ansprachen gab es dort auch Fürbitten von Vertretern der evangelischen und katholischen Kirche. Teilnehmer konnten einen messingfarbenen Gedenkstein aus der Fußgängerzone zunächst mit in die Bahnhofshalle und von dort zurück bis zum Synagogen-Gedenkplatz tragen. Am Ende wurden etwa 200 Gedenkwürfel im Rathaus zusammengebracht und zu einer Wand längs der Treppe im Erdgeschoss aufgeschichtet. Herausragende Würfel zeigen die Namen der Arbeits- und Vernichtungslager. Hier werden die „Steine“ bis zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar 2019 verbleiben. Dann erst endet das Kunst- und Demokratieprojekt. Vor dem Rathaus sollen alle Gedenksteine zu einem großen Mahnmal aufgeschichtet werden. Initiator Hans Ferenz ist gespannt, ob dazu auch die etwa 40 Gedenksteine zurückkommen werden, die „Paten“ bis dahin mit nach Hause, in ihre Schulen oder Büros genommen haben. „Ein Stein wird gerade als Konsole für eine Blumenvase genutzt“, hat Ferenz gesehen und sich über die Einbeziehung in den Alltag gefreut.

Paten trugen Steine in ihren Alltag.
Foto: Peter Schäfer

Was zunächst „klein gedacht“ gewesen sei, habe sich zu einem wirklich stadtweiten Projekt entwickelt, an dem sich unterschiedliche Menschen sehr engagiert beteiligten. So das Fazit des Initiators. Als gar nicht geplanter Bonus seien zudem von interessierten Schülern zwei Sendungen über jüdisches Leben produziert und zum Gedenktag vom „Wartburgradio“ ausgestrahlt worden. Er habe viel gute Stimmung während des Projekts erlebt und positive Resonanz erfahren. Zu vergessen sei aber auch nicht, dass drei Gedenksteine bereits bei der Herstellung mit Nazi-Symbolen verschandelt wurden. Auch sei bei den Handy- oder Radioprojekten deutlich geworden, dass Menschen zunehmend „Angst haben, bei Projekten gegen Rechts mit Namen und Gesicht mitzutun. Man will nicht erkannt werden.“ Das beunruhige ihn sehr, sagt Hans Ferenz.

Das Projekt WIR BIN ICH kann über Smartphone angesteuert werden:

QR-Code zum Projekt

 

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