Wenn es mit der Kunst klappen soll…

Am ver.di-Stand auf der ART Karlsruhe 2019
Foto: Martha Richards

… braucht es wichtige Voraussetzungen, sagt Markus Köck im KuK-Interview

Dieses Gespräch fand am 21. Februar 2019 auf der ART Karlsruhe statt. Markus Köck, Vorsitzender der ver.di-Landesfachgruppe Bildende Kunst Baden-Württemberg, betreute während der fünf Messetage den ver.di-Stand, zeigte Präsenz, führte Gespräche, informierte und ließ sich von uns zu existenziellen Problemen von Bildenden Künster*innen in und außerhalb von ver.di befragen. Seine kundigen und ausführlichen Antworten dokumentieren wir hier.

KuK: Wir treffen uns hier auf der ART Karlsruhe. Welche Bedeutung haben solche Kunstmessen für Bildende Künstler*innen?

Markus Köck: Nur wenn Galeristen, die Werke von lebenden Künstlern verkaufen, hier vernünftigen Handel treiben können, dann haben Kunstmessen eine Bedeutung für lebende bildende Künstler.

Wie können Bildende Künstler die Messe als Besucher für sich nutzen?

Da hält sich der Nutzen wahrscheinlich in Grenzen. Denn nach ihrem originären Zweck ist ART Karlsruhe eine Verkaufsveranstaltung, die hauptsächlich dazu dient, dass Händler mit Sammlern und Kaufinteressenten zusammenkommen. Eine Kontaktbörse, wo Künstler andere Kreative, Käufer oder Auftraggeber treffen könnten, ist das weniger.

Welchen Sinn hat es, dass ver.di auf einer Messe wie der ART Präsenz zeigt?

Wir können die wenigen Künstler, die hier sind und noch nichts davon gehört haben, dass es gewerkschaftliche Organisation gibt, ansprechen und zeigen: Wir sind da, Ihr könnt zu uns kommen. Und es hat einen Sinn, weil ganz viele Menschen, sowohl Käufer als auch Galeristen, manchmal noch gar nichts davon gehört haben, dass es Gewerkschaften für Bildende Künstler gibt. Oft werden wir nur mit aktuellen Streiks in Verbindung gebracht, wie jetzt wieder in der Tarifrunde öffentlicher Dienst. Vor Jahren wurde uns mal ein ganzes Messe-Wochenende lang Müll auf die Theke gelegt, weil die Müllabfuhr gestreikt hat: „Räumen Sie das doch mal weg, Sie sind doch von ver.di!“

Wie können bildende Künstler davon profitieren, wenn sie sich gewerkschaftlich engagieren?

Profitieren können sie dann, wenn sie sich darauf einlassen wollen, mit anderen solidarisch zu sein und mit denen dann etwas zu machen. Das ist ja das Grundprinzip gewerkschaftlicher Arbeit.

Markus Köck
Foto: Martha Richards

Meine Idealvorstellung wäre, dass wir Mitglieder haben, die diesen Solidaritätsgedanken auch leben wollen. Die Realität sieht aber meist anders aus. Mein Eindruck nach so vielen Jahren Gewerkschaftszeit ist, dass auch ver.di noch immer nicht ganz begriffen hat, was das mit den Selbstständigen und den freien Berufen so auf sich hat. Ich erinnere mich an Treffen der Bundeskommission Selbstständige in Berlin – da waren ver.di-Spitzen dabei – und wir mussten zunächst klären, dass die Gewerkschaft doch bitte nicht davon ausgehen soll, dass jede*r Selbstständige auch ein*e verlorene*r Angestellte*r ist. Es gibt durchaus Menschen, die das aus freier Entscheidung machen und quasi Einzelunternehmer sein wollen. Hier geht es um Dinge, die sind ziemlich diametral zu dem, was Gewerkschaft sonst macht, nämlich Arbeitnehmerrechte verteidigen auf der Basis von Tarif- und Arbeitsverträgen. Damit kennt sich Gewerkschaft am besten aus. Aber es gibt eben auch so einen Spezialfall wie die Bildende Kunst, wo man außerhalb jeder normalen Arbeits- und Produktionsrealität trotzdem einer Arbeit nachgeht. Dann ist man oft genötigt, erstmal um Verständnis zu werben.

Das heißt, Du siehst da deutliche Verbesserungsmöglichkeiten für die Vertretung Selbstständiger, nicht nur auf künstlerisch Tätige bezogen?

Wir haben in Baden-Württemberg mal versucht, rauszukriegen, in welchen Bereichen wir überhaupt Selbstständige haben. Das Spannende war, dass wir in der zurückliegenden Landesleitung zuständige Hauptamtliche hatten, die überzeugt davon waren, dass es in ihrem Bereich gar keine Selbstständigen gibt. Und siehe da: Wir haben doch welche identifiziert. Und wir konnten zeigen: Leute, die so arbeiten, sind in verschiedenen Fachbereichen verteilt, die müsste man eigentlich mehr zusammenbringen und zwar fachbereichsübergreifend.

Zusammentreffen mit der Realität

Wenn wir doch auf die Bildenden Künstler*innen zurückkommen: Wo siehst Du in dem Bereich die vorherrschenden Sorgen und Probleme?

Das grundsätzliche Problem fängt nach der Ausbildung an, weil an den staatlichen Hochschulen Menschen für einen Markt ausgebildet werden, der nicht den Gesetzen eines normalen Marktes gehorcht. Der Kunstmarkt funktioniert nicht nach dem Prinzip Angebot und Nachfrage. Man kann keinen Businessplan dafür machen. Das, was man da produziert, kommt als individueller Stil im Markt an. Der Markt, auf dem wir uns hier befinden, ist von persönlichem Geschmack, von Sammlerinteressen und von ganz anderen Kriterien geprägt.

Der Staat lässt sich einen Kunst-Studienplatz – wenn ich mal an die Zahlen denke – ungefähr 100.000 Euro im Jahr kosten. Nach dem Abschluss dieses Studiums haben Student*innen im Prinzip von marktwirtschaftlichem Arbeiten, von Bilanzen, von Kostenrechnungen für sich selber als Einzelunternehmer aber überhaupt keine Ahnung. Sie wollen teilweise auch gar keine Ahnung haben, weil sie damit beschäftigt sind, ihren künstlerischen Stil zu entwickeln. Doch dann treffen sie auf die Realität. Dann geht es darum, dass man überhaupt erstmal einen Platz bei einem Galeristen finden muss, also jemanden, der einen im Kunstmarkt vertritt – wenn man nicht z.B. in Form von der Produzentengalerie seine eigene Vermarktung übernehmen will. Das Internet hat auch nicht unbedingt alles besser gemacht, weil Kunst auf Bildschirmen nicht das ist, was Kunst im Wohnzimmer, in einer Ausstellung oder im Museum bedeutet. Als Verkaufsplattform ist das Internet auch nicht die Lösung. Es gibt ein Überangebot. Und mit diesem Überangebot hat man zu kämpfen. Aus meiner Sicht kommt es einer Lotterie gleich, ob das funktioniert oder nicht. Und genau da fängt das Problem an, weil wir dann in einer Situation sind, dass Bildende Künstler*innen, die hochqualifiziert ausgebildet sind und unter Umständen beste Abschlüsse gemacht haben, in die Welt entlassen werden und dann schauen müssen, wie sie ökonomisch über die Runden kommen. Die meisten können überhaupt nicht von ihrer Arbeit leben, sondern sie müssen andere Jobs machen. Wenn es geht, schaffen sie es, noch ein bisschen nebenher Kunst zu machen. Darunter leidet erstens das Erwerbsleben und man wird da gar nicht ernst genommen, andererseits leidet darunter aber auch die Kunst. Man muss seine Wohnung bezahlen, muss von was leben und dann soll man auch noch Zeit haben, Kunst zu produzieren, die man verkaufen will und dazu vermarkten muss. Das sind die Probleme, auf die man stößt. Und die werden aus meiner Sicht auch nie verschwinden.

Was würdest Du denn jetzt nach den vielen Jahren, die Du Erfahrung in der Branche hast, jungen Künstler*innen raten?

Ich sehe mich gar nicht in der Position, Tipps geben zu können. Das einzige, was ich sagen möchte, ist: Seid Ihr selbst! Weil das das Einzige ist, was es einem ermöglicht, zufrieden zu sein, weil man sich nicht verbiegt. Wenn es mit der Kunst überhaupt klappen soll, dann muss so etwas wie eine individuelle, wiedererkennbare Identität aus der Arbeit sprechen, das, was der Künstler fühlt, weiß, will, soll in der Arbeit zum Ausdruck kommen. Wenn man das verrät, hat man sich selbst verraten.

Es gibt nichts zu verschenken

Wie siehst Du Möglichkeiten, kulturpolitisch die Arbeitsbedingungen und Möglichkeiten von Bildenden Künstler*innen zu verbessern?

Da sollte Einiges passieren: Es muss dafür gesorgt werden, dass die Künstlersozialkasse fortbesteht, weil es die einzige, funktionsfähige Rentenversicherung ist, die es für Bildende Künstler*innen überhaupt gibt, damit sie nicht in der Altersarmut landen. Es muss dafür gesorgt werden, dass die Verwerterabgabe auch tatsächlich an die ökonomischen Entwicklungen angepasst wird, damit der Topf der KSK ordentlich gespeist werden kann, auch wenn die Verwerter ächzen und stöhnen und von einem Bürokratiemonster sprechen. Es ist ganz normal, dass etwa ein Musiker oder ein Stückeschreiberin Tantiemen bekommen. Genauso muss es normal sein, dass Verwerter kreativer Leistungen – sei es im Bereich des Designs, der Publizistik oder der Bildenden Kunst – dafür bezahlen müssen, dass sie etwas verwerten. Hier werden ja keine Geschenke gemacht, die ein Künstler vergibt, weil es ihm Spaß macht.

Dann müssen bestimmte Förderungslücken geschlossen werden. Die Vorstellung von staatlicher Seite oder von Wettbewerbsstiftern ist bei Kunstpreisen oder auch Stipendien anscheinend immer noch: wer es bis 35 nicht geschafft hat, ist ein hoffnungsloser Fall. Denn es gibt eine ernstzunehmende Förderungslücke, die bei 35 anfängt und dann erst irgendwann wieder mit Preisen für das Alterswerk gedeckt wird. Doch was macht Künstler*in in der Zeit zwischendurch? Wettbewerbe sind ein integraler Bestandteil dieses Markts und dieser Gesellschaft. Also muss man auch dafür sorgen, dass es Wettbewerbe für jene Lebensalter gibt, die normalerweise nicht gefördert werden – so ab 35 aufwärts, auch bis ins fünfte oder sechste Lebensjahrzehnt, wo man ja als Künstler immer noch eine produktive Zeit haben kann.

Schließlich finde ich, dass – nachdem seit 1962 daran gewerkelt wird – nun dringend eine verpflichtende Ausstellungsvergütung für nichtprofessionelle Verwerter ins Urheberrechtsgesetz gehört. Eine bereits alte Forderung der IG Medien und der Bildenden Künstler ist, dass Künstler vom Ausstellen ihrer Werke leben können sollen. Unsere Erfahrung der letzten Jahre zeigt: Wir stellen wesentlich mehr Arbeiten aus als wir verkaufen. Das alte Beispiel ist: Jeder Musiker, jede Schauspielerin wird für ihren Auftritt bezahlt. Gibt es eine Ausstellung, dann werden der Hausmeister, der Caterer, die Miete, der Redner bezahlt. Nur der Künstler kriegt nichts, dem sagt man: Ist ja Werbung für Sie, Sie könnten ja was verkaufen! Wir haben mit dem Vertragswerk Bildende Kunst schon vor ewiger Zeit den Vorschlag einer Honorartabelle gemacht – mit gewissen Kappungsgrenzen für nicht professionelle Verwerter in Abhängigkeit von der Institution, von der Größe der Kommune, von der Dauer und in Abhängigkeit des Versicherungswerts der ausgestellten Werke. Damit kann man ausrechnen, was für ein Ausstellungshonorar fällig wird. Das sollte endlich mal mit dem Wörtchen „verpflichtend“ und „kann nicht abgetreten werden“ ins Urheberrecht eingefügt werden, sodass für nichtprofessionelle Verwerter eine Verpflichtung entsteht, jedem Künstler, der ausgestellt wird, ein Honorar zu bezahlen.  (Es fragte: Martha Richards)

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