VS: »Die Existenz von Kultur ist in Gefahr«

Der Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller kritisiert die mangelnde Bereitschaft des Bundes, Coronahilfen den Erfordernissen von Schriftstellerinnen und Schriftstellern anzupassen. Literaten profitieren seit März kaum von Förderung. „Auch nach den Novemberhilfen und den Coronahilfen III muss man konstatieren: vielen Schriftstellerinnen und Schriftstellern ist mit den Hilfspaketen nicht geholfen“, so Lena Falkenhagen, Bundesvorsitzende des Verbands.

„Von den allgemeinen Hilfen für Soloselbständige werden Schriftstellerinnen und Schriftsteller gerade mal im einstelligen Prozentbereich erfasst. Wir brauchen endlich kurz- und mittelfristig strukturelle Hilfen mit Schwerpunkt Kultur. Dazu gehören auch Leitlinien des Bundes für die Länder“, so Falkenhagen.
Schriftstellerinnen und Schriftsteller seien direkt durch Lesungen und indirekt durch die Existenzsorgen der Verlage von der Coronakrise betroffen, so Falkenhagen. 53 Prozent aller Verlage hätten in der ersten Coronaphase Titel verschoben, 36 Prozent Neuerscheinungen ganz gestrichen. „An diesen Veröffentlichungen hängt oft eine Zahlungsrate für Autorinnen und Autoren“, so Falkenhagen. „Und die Zahl der nicht mehr geplanten Titel lässt sich nur schwer erheben.“ Auch die dieses Jahr durch fehlende Präsenzveranstaltungen wie Messen und Lesungen sinkenden Verkaufszahlen und entfallenden Honoraren beeinflussten ganz erheblich die Buchbranche und damit auch zukünftige Autorinnen-/Autorenhonorare.
Notwendig sei ein für die Literatur maßgeschneidertes Förderungskonzept, bei dem die Existenz von Schriftstellerinnen und Schriftstellern gesichert wird, das Verlage vor der Insolvenz rettet und den lokalen Buchhandel erhält. Falkenhagen: „Langfristig brauchen wir Kultur als Pflichtaufgabe der Länder mit finanzieller Unterstützung durch den Bund. Sonst ist die Existenz der Kultur in Gefahr; dann leiden u.a. Schriftstellerinnen, Schriftsteller und die Bibliodiversität in Deutschland.“

Ein Überblick des VS:
Hilfspaket I
Im März/April wurden Schriftstellerinnen und Schriftsteller direkt auf die Grundsicherung verwiesen. Einige Länder stellten eigene Mittel zur Verfügung, um Künstlerinnen oder Künstler zu unterstützen. Besonders positiv ragen Hamburg, Baden-Württemberg und (mit Nachbesserungen) Nordrhein-Westfalen hervor.
Hilfspaket II
Mit dem »Neustart Kultur« erfolgte Kulturförderung im Gießkannenprinzip. Es gab keine Strukturförderung, Gelder wurden z.B. indirekt über von Dritten veranstaltete Lesungen und Events ausgeschüttet. Manche Länder gaben durch Stipendien weitere Gelder aus; in Berlin überstieg die Anzahl der Anträge die tatsächlichen Stipendien aber um ein Vierfaches.
Novemberhilfen
Mit der Regel, dass 80 Prozent des Umsatzes durch die Corona-bedingten Schließungen weggebrochen sein müssen, um 75 Prozent des durchschnittlichen Nettomonatsumsatzes von 2019 bzw. 75 Prozent des Nettoumsatzes von November 2019 zu bekommen, fallen auch hier Schriftstellerinnen und Schriftsteller durch das Raster. Musikerinnen/Musiker profitieren stärker, Schriftstellerinnen oder Schriftsteller hingegen kaum – auch weil man all die Lesungen, die nicht mehr geplant werden, nicht belegen kann.
Gleichzeitig gilt, dass bei einem Durchschnittsverdienst von 19.000 bis 25.000 Euro jährlich (Zahlen von der KSK) bereits 20 Prozent bis 30 Prozent Einkommensausfall an den Rand der Existenz führen.
Hilfspaket III
Beim Hilfspaket III treffen Förderbedingungen oft nicht auf Schriftstellerinnen oder Schriftsteller zu, da Buchhandlungen als Veranstaltungsorte nicht vollständig geschlossen sind; trotzdem finden in Corona-Lockdown-Light-Zeiten keine Lesungen statt. Auch hier müssen 50 Prozent Verdienstausfall vorliegen, um 25 Prozent Hilfe zu erhalten. Die Beantragungen sind nicht unbürokratisch. Abschließend liegt eine maximale Förderung von 747 Euro pro Monat vor; die auf die eventuell parallel bezogene Grundsicherung anrechenbar sind.

nach oben

weiterlesen

Es geht um Stabilisierung, vor allem aber um Zukunft

Im Oktober 2020 wurde im Rahmen von „Neustart Kultur“ ein 65-Millionen-Programm zur Förderung freischaffender Künstler*innen und freier Gruppen in der bundesdeutschen Theater-, Performance- und Tanzlandschaft bereitgestellt. Der Fonds Darstellende Künste organisiert die Förderung, 50 Millionen Euro sind bereits vergeben worden. Wir baten Geschäftsführer Holger Bergmann um eine Zwischenbilanz.
mehr »

Kreative beim Urheberrecht ohne wirksamen Schutz

Das Bundeskabinett hat am 3. Februar 2020 den Gesetzentwurf für die Umsetzung der EU-Urheberrechtsreform in deutsches Recht gebilligt. Im „weitgehend unter Vermeidung von Öffentlichkeit“ erfolgten Gesetzgebungsverfahren fehle es weiter an wirksamen Schutzmechanismen für die Kreativen, kritisiert ver.di. Die Gewerkschaft sieht den Regierungsentwurf als einen "Kotau vor den Interessen der Zeitungsverleger und Verwerter".
mehr »

Endlich kommen Novemberhilfen, doch eben nicht für jeden

Endlich: Seit 12. Januar, so informiert die Bundesregierung, seien die technischen Voraussetzungen für die reguläre Auszahlung der „außerordentlichen Wirtschaftshilfe“ für den Monat November geschaffen. Die Länder starten mit der Überweisung der seit 25. November beantragten Gelder. Soloselbstständige konnten bis zu 5000 Euro Hilfen direkt beantragen. Doch bislang wurden bestenfalls Abschläge ausgezahlt. Was das für sie bedeutet und warum viele ganz durch Raster fielen, beleuchtet ein Projekt von Selbstständigen bei ver.di Niedersachsen-Bremen.
mehr »

Urheberrecht: ver.di fordert Möglichkeit der Verbandsklage

Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) fordert die erweiterte Möglichkeit von Verbandsklagen zur Durchsetzung der Vergütungsansprüche von Urheberinnen, Urhebern, Künstlern und Künstlerinnen. In einem Brief an das Kanzleramt sowie die Ministerien, die eine EU-Richtlinie zum Urheberrecht umsetzen müssen, wird kritisiert, dass der sozialen Funktion des Urheberrechts in den bisher gemachten Vorschlägen nicht ausreichend Rechnung getragen werde, heißt es in einer Pressemitteilung.
mehr »