Pro Quote: Schieflage auf und hinter der Bühne

ShareYourPower: Informationen und Material lagen auch aus. Foto: neh

Viel weibliche Kompetenz und wenige Männer trafen sich am 28. Januar in Berlin zum Quotenkongress 2020 #ShareYourPower, den die drei Pro-Quote-Initiativen für Geschlechtergerechtigkeit in der Medien- und Kulturbranche veranstalteten. Ohne Quote kein Kulturwandel, hieß es. Aktuelle Zahlen aus Medien, Filmbranche und Theatern belegen, dass bis zu einer hälftigen Beteiligung von Frauen noch viel zu tun bleibt.

Barbara Rohm aus dem Vorstand von Pro Quote Film sah das Ringen um eine ausgeglichene Geschlechterverteilung in der Medienbranche als „Arbeitskampf, der mit einem Kulturwandel Hand in Hand“ geht. Dem Ziel haben sich mittlerweile drei Initiativen in der Kultur- und Medienbranche verschrieben: Pro Quote Medien, Pro Quote Film und Pro Quote Bühne. Für den Theaterbereich ist der entsprechende Verein zuletzt, im Jahr 2017, gegründet worden, um eine paritätische Besetzung künstlerischer Ressorts im Theater durchzusetzen, Austausch und Vernetzung zu fördern. Beim Quotenkongress 2020 gestalteten Pro Quote Bühne einen eigenen Workshop.

Soufflieren, aber nicht Regie führen

Zusammengefunden hätten sich zunächst hauptsächlich Einzelkämpferinnen – freie Regisseurinnen und Theaterschaffende, die normalerweise sogar Konkurrentinnen um Aufträge seien, doch alle die „gläserne Decke“ zu spüren bekämen, wenn es um berufliches Fortkommen in der Bühnenwelt ginge. So beschrieb es France-Elena Damian vom Vorstand. Inzwischen lägen durch die Studie “Frauen in Kultur und Medien“ und neuere Untersuchungen auch Zahlen zum Geschlechterverhältnis in den Theatern vor, die durchweg problematisch seien. In der Spielzeit 2014/15 habe etwa der Frauenanteil unter den Soufflierern bei 80 Prozent gelegen. Der bei Regieassistenzen erreichte noch 51 Prozent, 48 Prozent in der ebenfalls „zuarbeitenden“ Dramaturgie. Reine Regie- und Spielleitungsposten waren nur zu 30 Prozent mit Frauen besetzt, Bühnenleitungsposten zu weniger als einem Viertel (22 %). Frauen seien eher auf Nebenspielstätten zu finden oder für den Kinder- und Jugendbereich zuständig. Aktuellere Daten konnte Damian für das Schauspiel Frankfurt a.M. und die Berliner Staatstheater vorstellen. Am Main hätten in der Spielzeit 2017/18 auf der Großen Bühne ausschließlich Männer Regie führen dürfen, während Frauen vier Spielzeiten früher bereits einmal zu 36 Prozent der Inszenierungen leiteten. In hauptstädtischen Produktionen der Spielzeit 2018/19 saßen etwa an der Schaubühne zu 14 Prozent oder zu je 27 Prozent am Deutschen Theater und am Berliner Ensemble Frauen auf dem Regiestuhl. Nur unter der Intendantin Shermin Langhoff am Maxim-Gorki-Theater stellten Regisseurinnen sogar die Mehrheit – mit 60 Prozent. Ähnliche Befunde gebe es hinsichtlich der Autorenschaft gezeigter Stücke. Während an der Volksbühne ausschließlich Stücke von Männern inszeniert wurden, Autorinnen am Deutschen Theater ganze sechs Prozent erreichten, inszenierte das Gorki zu 60 Prozent Stücke, die von Frauen geschrieben sind. An den drei großen Berliner Opernhäusern dürften Frauen so gut wie nicht Regie führen. Der „Gender Pay Gap“, die realen Verdienstunterscheide zwischen Männern und Frauen, lägen bundesweit im Regiebereich bei 36 Prozent. Freie Schauspielerinnen verdienten im Schnitt sogar 46 Prozent weniger als ihre Kollegen.

Quote sogar überboten

Obwohl solche Zahlen weiterhin alarmierten, seien auch Erfolge durch Vernetzung und die Zusammenarbeit mit Deutschem Bühnenverein, Kulturbüros, den kulturpolitischen Sprecher*innen von Bundestagsfraktionen und mit Frauenverbänden erreicht worden. So gäbe es inzwischen Best-Practice-Beispiele und etliche Häuser, die mit der paritätische Besetzung von Leitungsfunktionen arbeiten. Das helfe, auch strukturell begründeten Sexismus und einer zu beklagenden „Schweigekultur“ zu begegnen, so Angelika Zacek vom Pro-Quote-Bühne-Vorstand.
Brandheiß wurde über die eben verkündeten Entscheidung der Jury berichtet, für das nächste Berliner Theatertreffen sechs von zehn Stücken einzuladen, bei denen Frauen Regie geführt haben. Damit werde die auf zwei Jahre von Festivalchefin Yvonne Büdenholzer eingeführte Quote sogar übererfüllt. Noch 2017 waren Frauen als Regisseurinnen bei den Einladungen komplett übersehen worden – bis auf eine einzige Ausnahme. Nach Aussage von Dramaturgin Anna-Katharina Müller sei der Jury die Entscheidung für 2020 sogar „leichtgefallen“, eine qualitative Einengung habe sie erklärtermaßen nicht empfunden, sondern einen „unglaublich starken Frauenjahrgang“ gelobt.

„Männergagen für alle“

Fazit: Hinter der Bühne sei das deutsche Theater – oft als Ort gesellschaftskritischer Auseinandersetzung und für Innovation gepriesen – noch immer weitgehend geschlossen und unkritisch gegenüber den eigenen Machtstrukturen. Die „Schieflage“ – „Männer entscheiden, Frauen arbeiten und flüstern zu“ – wie sie im Manifest von Pro Quote Bühne beschrieben wird, müsse überwunden werden. Neben 50 Prozent Schauspieldirektorinnen und Intendantinnen, Hausregisseurinnen und Inszenierungen von Frauen auf großen Bühnen fordert die Initiative gleiche Chancen und „Männergagen für alle“. Das setze eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie voraus. Natürlich werden weitere Mitstreiter*innen für die Initiative gesucht. Ermutigend wird empfunden, dass sich auch immer mehr Männer dem Diskurs anschlössen. Beim Quotenkongress traute sich das allerdings keiner.

 

 

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