Helfen Preise unabhängigen Verlagen im Überlebenskampf?

Auf der Leipziger Buchmesse 2019 wurden auch die diesjährigen Kurt-Wolff-Preisträger geehrt. Andreas J. Meyer, Gründer des Merlin-Verlags (Mitte), erhielt die Ehrung für das Führen eines Kleinverlages, der als Modell für nachfolgende Generationen taugte.
Foto: Jens-Ulrich Koch.

Kaum ist der erste Schock vergangen, den die Insolvenz des Buchgroßhändlers KNV im Frühjahr dieses Jahres ausgelöst hatte, feiern kleine und unabhängige Verleger in diesem Herbst einen Etappensieg. So suggerieren es zumindest die Zahlen der Verlage, die zur bevorstehenden Frankfurter Buchmesse mit dem erstmalig ausgerufenen “Deutschen Verlagspreis 19“ geehrt werden sollen.

Am 17. September machte die Beauftragte für Kultur und Medien die Liste der 60 Verlage bekannt, die für „ihre hervorragende Leistung mit einem Gütesiegel und jeweils 15.000 Euro“ prämiert werden. Bei insgesamt 312 Bewerbungen wurden sie von einer siebenköpfigen Jury, der der Literaturkritiker Denis Scheck vorsteht, ausgewählt. Auf der Frankfurter Buchmesse sollen die Preise feierlich verliehen, außerdem drei herausragende Verlage bekanntgegeben werden, die ein „Gütesiegel und Prämien in Höhe von jeweils 60.000 Euro“ sowie bis zu drei weitere Editionen, die ein undotieres Gütesiegel erhalten. So viel zu dem „Meilenstein“, wie Leif Greinus, Vorstand der Kurt-Wolff-Stiftung (KWS) und Verleger von Voland & Quist, den Verlagspreis 2019 bereits bezeichnete.

Mit diesem Preis hat sich einer der Vorschläge aus der “Düsseldorfer Erklärung unabhängiger Verleger“ vom 6. Februar 2018 erfüllt. Die mehr als 50 Unterzeichner, in der Präambel dem Grundsatz folgend, dass „Literatur ein förderungswürdiges Kulturgut ist“, schlugen der Bundesregierung dort auch die Ausrufung eines Deutschen Verlagspreises vor.

Angesichts fehlender staatlicher Förderung für unabhängige Verlage also ein Etappensieg? „Wir wissen natürlich erst in einem Jahr, ob die Preise eine nachhaltige Wirkung haben“, sagt der Verleger Stefan Weidle aus Bonn, einer unter den Glücklichen 60, auf Anfrage, „aber wenn man den Kurt-Wolff-Preis als Maßstab nimmt, kann die Wirkung durchaus beachtlich sein. Es macht eben doch einen Unterschied, ob man im stillen Verlagskämmerlein vor sich hin werkelt … oder ob man ein Gütesiegel der Staatsministerin für Kultur vorzeigen kann, das besagt, dass man kulturell wichtige Arbeit leistet.“

Tropfen auf den heißen Stein

Es gibt Stimmen, die der Kultur von Preisen ein wenig skeptischer gegenüberstehen, wie Axel von Ernst, Verleger des Lilienfeld Verlags, Mitglied im Verein der Hotlist und ebenfalls unter den 60 Prämiierten, der meint, man müsse zeigen, „dass viele von uns ununterbrochen von Nichtexistenz bedroht sind… Wir feiern uns so sichtbar wie möglich mit der Hotlist und mit den Kurt-Wolff-Preisen, der Verlagspreis des Bundes verteilt wohltuende Tropfen auf einige heiße Steine, die Kulturstaatsministerin sei von Herzen gepriesen. Gerettet sind wir aber längst nicht.“

Ein Besuch bei großen Buchhandelsgruppen um Thalia oder Hugendubel macht ein strukturelles Ungleichgewicht auf dem Buchmarkt sichtbar. Türmeweise stapeln sich auf den Verkaufstischen Bestseller aus großen Publikumsverlagen, unmöglich, sie nicht wahrzunehmen. Titel von kleinen Verlagen sucht man da vergeblich. Ob solcherart Unsichtbarkeit vielleicht ein Gütesiegel von oben korrigieren könnte?

„Die Vielfalt hat gerade keinen leichten Stand, da die Gesellschaften einschließlich der medialen Rezeption stark auf wenige Titel fokussieren. Das gilt für Deutschland und andere europäische Länder“, so die Frankfurter Literaturagentin Nicole Witt.  Witt, die mit ihrer Agentur weltweit vernetzt ist, weiß den Wert von unabhängigen Verlagen indes zu schätzen. „Neben der erwähnten Tendenz zur Konzentration gibt es bei uns auch unabhängige Verlage, darunter Neugründungen, die immer noch, oder gerade jetzt wieder, Mut für ungewöhnliche Wege zeigen und so dazu beitragen, dass sich der Blick der Leserinnen und Leser nicht verengt und diese weiterhin die Möglichkeit haben, Neues und Unerwartetes zu entdecken.“

Eine Lanze für unabhängige Buchhandlungen

So ist mit einem konzernunabhängigen Verlagswesen auch die so genannte Bibliodiversität verbunden, ein funktionierendes vielfältiges Buchwesen, das es gegen die großen Konzerne zu bewahren gilt. Es schließt unabhängige Buchhandlungen ein. Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen beiden? Ist diese überhaupt noch lohnenswert? „Der Zusammenhalt zwischen Independent-Verlagen und unabhängigen Buchhändlern ist seit der Einführung des Deutschen Buchhandlungspreises (korr., d. Red.), der ja von der Kurt Wolff Stiftung mit entwickelt worden ist, immer enger geworden. Wir sitzen im gleichen Boot, das ein Leck hat“, erklärt Verleger Weidle. Den unabhängigen Buchhandlungen gehe es mit den Titeln kleiner Verlage im Sortiment besser als ohne sie, denn sehr viele aktive Leser fänden in den Großverlagen nicht mehr „das Besondere, das ans Wesen der Welt Rührende“. Jedoch fehlten Kleinverlagen „die Marketinginstrumente der Großen, wir können nicht bei Titeln mitmischen, die gleichzeitig in 28 Sprachen weltweit erscheinen“. Kleinere Editionen könnten aber durchaus „die Bücher finden, die Autorinnen und Autoren geschrieben haben, weil sie es mussten, aus einem Bedürfnis heraus“.

Als Beispiel nennt Weidle „Das achte Leben (für Brilka)“ von Nino Haratischwili, den für ihn „besten deutschsprachigen Roman der letzten 20 Jahre“. Er kam in einem unabhängigen Verlag (Frankfurter Verlagsanstalt) heraus, wurde von keiner Marketingmaßnahme begleitet, war nicht auf irgendeiner Long- oder Shortlist, wurde anfänglich in den Feuilletons nicht rezensiert – und ist heute ein Bestseller. Warum? „Weil unabhängige Buchhändlerinnen und Buchhändler viel lesen und erkannten, um welches Meisterwerk es sich da handelt. Sie haben für den Erfolg dieses Buches gesorgt“, so der Verleger noch ganz unter dem Eindruck der fünften Verleihung des Deutschen Buchhandlungspreises, die am 2. Oktober in Rostock stattfand.

Auf der bevorstehenden Frankfurter Buchmesse präsentieren sich unabhängige Verlage gezielt im Forum Leseinsel.

 

 

 

 

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