Coronavirus und Kultur: Umziehen ins Internet

Seltsame Empfehlung: Just don`t do it, steht momentan am Münchner Residenztheater (li.). Die ebenfalls geschlossene Staatsoper rechts daneben. Foto: Irene Gronegger

Wegen der Epidemie fallen öffentliche Veranstaltungen im gesamten deutschsprachigen Raum aus, das gesellschaftliche Leben, speziell das kulturelle, scheint stillzustehen. Kulturschaffende und ihr Publikum bleiben notgedrungen zuhause, doch immer häufiger finden sie einander online. Beispiele, wo und wie es schon funktioniert.

Der Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller in ver.di Hamburg hat wegen der aktuellen Lage seinen Jour Fixe auf seinen Twitch-Kanal verlegt. Außerdem können die Mitglieder jetzt fünfminütige Videos mit Lesungen oder Buchvorstellungen einreichen, die später auf dem Kanal gezeigt werden sollen. Mehr dazu hier.

Schätzungen zufolge werden hierzulande allein zwischen März und Mai 4000 Autoren-Lesungen ausfallen. Das Netzwerk Autorenrechte hat errechnet, dass das einen Ausfall von sieben Millionen Euro Honorar für Schriftstellerinnen und Schriftsteller bedeutet.

In der Münchner Kulturszene wird daran gearbeitet, ein „Zuhause-Festival“ aufzubauen und bekannt zu machen. Autorinnen und Musiker, die mitmachen möchten, melden sich und ihren Social-Media-Kanal auf der Website an und können dann das Zuhause-Festival mit dessen Facebook-Seite als kleinen Multiplikator für den eigenen Vortrag nutzen.

Lesung für die eigenen Facebook-Freunde

Der Autor Hasnain Kazim organisierte seinen Online-Auftritt allein: Als er neulich aus seinem Buch „Post von Karlheinz. Wütende Mails von richtigen Deutschen – und was ich ihnen antworte“ las, war sein Publikum auf seinem Facebook-Profil live dabei.

Er moderierte sich selbst an und pries dabei ironisch seine „modernste Studiotechnik“: Kazim saß im Wohnzimmersessel vor seinem Bücherregal, gegenüber hatte er sein Smartphone auf einem Hocker fixiert, als Mikro diente ein Headset. Da die Handykamera die Lesung spiegelverkehrt übertrug, hatte Kazim einen Handspiegel parat, um dem Publikum das Buchcover richtig herum zeigen zu können. Die technischen Hürden sind also nicht hoch.

Dann ging es zur Sache – wie es dazu gekommen war, dass er auch Hassmails beantwortete. Es folgten Kostproben aus diesen Mailwechseln, die der Autor oft ins Komische oder Absurde gewendet hatte. Am Ende der Lesung verwies Kazim auf seine Autorenkollegin Hatice Akyün, die anschließend live auf Twitter eine Geschichte über türkisches Essen vortrug.

Praktische Tipps zur Technik

Oft lohnt sich ein externes Mikrofon, das nicht teuer sein muss: Am Computer oder Laptop reicht für Einsteiger ein USB-Mikrofon, manchmal ist auch das Mikro einer neueren Webcam gut genug. Für die Bildqualität ist gutes Licht am wichtigsten, für den guten Draht zum Zuschauer der ein oder andere Blick direkt in die Kamera statt auf den Bildschirm.

Wer die eigene Lesung mit Musik untermalen möchte, sollte eine Lizenz haben oder GEMA-freie Musik wählen. Möchte jemand Spenden für sich oder einen guten Zweck sammeln, ist ein Online-Bezahldienst sinnvoll. Das dürfte sich am ehesten für Kulturschaffende lohnen, die bereits eine gute Reichweite aufgebaut haben.

Literaturhaus legt Lesungen auf Facebook

Auch einige etablierte Kulturinstitutionen beginnen in diesen Tagen, die digitalen Möglichkeiten auszuschöpfen: Das Literaturhaus Salzburg bringt auf seiner Facebook-Seite täglich um 20 Uhr eine Lesung österreichischer Autorinnen und Autoren und zahlt ihnen dafür ein Honorar.

Dem Leiter des Literaturhauses Tomas Friedmann geht es jetzt darum, „überregional mehr Menschen für Literatur zu begeistern und einen Beitrag für das Überleben der Literaturszene in herausfordernden Zeiten wie diesen zu leisten“, wie er auf der Website des Literaturhauses schreibt. Und falls das neue Format gut angenommen wird, überlegt er, es nach der Krise zusätzlich zum laufenden Programm fortzuführen.

Angebote für das Theater- und Opernpublikum

Manches Theater stellt derzeit Aufzeichnungen früherer Aufführungen ins Netz, ein Auftritt eines ganzen Ensembles wäre derzeit nicht machbar: Auf der Website der Münchner Kammerspiele steht deshalb jeden Tag ein anderer Mitschnitt für 24 Stunden online. Die Wiener Staatsoper macht es ebenso, dort muss man sich allerdings auf der Website registrieren. Einzelne Künstler – Igor Levit, Michael Barenboim und viele, viele andere – stellen regelmäßig „Hauskonzerte“ aus den eigenen vier Wänden ins Netz.

Weitere Häuser entwickeln aktuelle Angebote: Die Bayerische Staatsoper hat einen kleinen Online-Spielplan und streamt „Montagskonzerte“ in kleiner Besetzung. Es wird um Spenden gebeten, die die Freie Szene unterstützen sollen. Das Staatstheater Darmstadt nutzt seinen Youtube-Kanal und bringt dort zwar nicht live, aber aktuell den Videocast „Die tägliche Dosis“. Darin zeigt man Einblicke in Arbeit und Leben der Kulturschaffenden, außerdem sind unter dem Titel „Vitamin L“ weitere szenische Lesungen geplant.  Und das Münchner Residenztheater stellt Kurzvideos auf Youtube: „Tagebuch eines geschlossenen Theaters“.


Hier nochmals der ständig aktualisierte ver.di-Link mit Informationen zu Soforthilfen für Kreative.

 

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