Chronik einer Eskalation: Mit Solidarität gegen das Virus

Wenn die Aufträge wegbrechen, müssen dennoch Ideen her. Foto: Leonhard F. Seidl

Noch gibt es wenig konkrete Aussagen, wie freischaffenden Künstlern und Kulturschaffenden geholfen werden kann in diesen Zeiten von Corona, wo das öffentliche Leben heruntergefahren wird und mengenweise Aufträge wegbrechen. Immerhin – und das ist zweifellos ein Erfolg auch von ver.di – werden Freie und Selbständige von Politik und Medien ebenso in den Blick genommen wie Arbeitnehmer*innen oder Unternehmen. Fallschilderung und der Versuch einer ersten Bestandsaufnahme – mit Aktualisierungen.

Bereits in einem ersten Gespräch im Bundeskanzleramt hat ver.di-Chef Frank Werneke auf die Corona-Härten für die Millionen Freien und Solo-Selbstständigen hierzulande hingewiesen. Nicht ungehört. Von Ministerien und Parteien kommen erste Vorschläge. Bündnis90/ Die Grünen erwägen bei nachweislichen Honorarausfällen Unterstützungsleistungen von bis zu 60 Prozent des letzten Jahreseinkommens. Als erstes Bundesland hat Bayern „umfangreiche Maßnahmen im Kampf gegen das neuartige Coronavirus“ beschlossen. Dazu zählt das „Förderprogramm Soforthilfe Corona“ mit konkreten Hilfen für Kleinstbetriebe. Darunter fallen auch Soloselbstständige.

ver.di-Verantwortliche drängen in Gesprächen weiter darauf, zügig finanzielle Hilfen anzubieten. Was Betroffene beachten sollten und selbst tun können, darüber informiert das ver.di-Referat Selbstständige mit Rundbriefen, über den ständig aktualisierten Facebook-Account und auf der Webseite mit einem Infopool. Frank Werneke hat sich in einer Videobotschaft an alle ver.di-Mitglieder gewandt und zu Solidarität aufgefordert.

ver.di spricht sich für branchenübergreifende unbürokratische Hilfen aus: „Das sind Nothilfefonds für von Insolvenz bedrohte Selbstständige, spezielle öffentliche Kredite, Senkungen von Einkommenssteuer-Vorauszahlungen oder Beitragssenkungen bei den Sozialversicherungen“, sagt Veronika Mirschel, Leiterin des ver.di-Bereichs Selbstständige.

Wie sich die Situation für den Einzelnen darstellt, betrachtet im Folgenden Leonhard F. Seidl. Er hat sich über Jahrzehnte eine Existenz als Schriftsteller, Journalist und Dozent für kreatives Schreiben aufgebaut – wie viele seiner Kolleg*innen durch harte Arbeit und viel Engagement. Seit gut einem Jahr ist er Vorsitzender der Regionalgruppe Mittelfranken des Verbands deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller in ver.di (VS). Akut kämpft auch er dafür, dass das Virus seine und die Existenz seiner Kolleg*innen nicht tötet:

 

Dieses Jahr begann rosig für mich: Im Januar Stipendiat in Rothenburg o.d.T im Februar ein Stipendium an der lettischen Küste. Und im Mai werde ich voraussichtlich Turmschreiber in Abenberg sein; voraussichtlich. Nach jahrelangem Rödeln im Hamsterrad sollte dieses Jahr entspannter werden. Doch dann kam alles ganz anders…

Chronik einer Eskalation

„Ich habe glücklicherweise (noch) keine Existenzsorgen durch Absagen“, schrieb ich am Freitag, 13. März um 07:47 auf Facebook. „Aber viele Kolleg*innen haben ernsthafte finanzielle Sorgen…“ Darunter teilte ich einen Post einer Freundin mit einem Solidaritätsaufruf, bei „Karten für ausgefallene Konzerte / Lesungen/ Vorstellungen … nicht das Geld zurückverlangen, sondern auf diese Weise einen kleinen Solidaritätsbeitrag für Künstler*innen und Veranstalter*innen“ zu leisten, „auf die besonders harte Zeiten zukommen“. Man könne ihre Bücher usw. kaufen.

Um 7:59 schrieb mir ein Veranstalter, den ich wegen einer Lesung aus meinem neuen Roman angefragt hatte, dass sie mit dem heutigen Tag den Konzertbetrieb bis Saisonende einstellen werden. Ich sei der Erste, der es erfahre. „Naja wir werden es schon überleben…“

Eine Stunde später stand fest, dass die Schulen bis nach den Osterferien geschlossen werden. Eine Lehrerin teilte mir mit, sie versuche, ein Ausfallshonorar möglich zu machen. Ein anderer schrieb, dass es einen Nachholtermin gäbe, vermutlich im Herbst, weil Prioritäten gesetzt werden müssen, wenn es überstanden sei.

Von Prioritäten in der Politik

Wie die Prioritäten hinsichtlich der Hilfsmaßnahmen in der Politik gelegt werden, wird die Zukunft zeigen. Denn obwohl Kultur mit 1,7 Millionen Kernbeschäftigten und davon ca. 500.000 Solo-Selbständigen der drittstärkste Wirtschaftsfaktor ist, hat man häufig den Eindruck, dass die Prioritäten der Politik, was Förderung und Unterstützung angeht, andere sind. Der Wert der Kultur als geistige Nahrung für eine freie und solidarische Gesellschaft ist da noch nicht einmal berücksichtigt.

Auch das reiche Bayern glänzt nicht gerade durch Stipendien und Literaturpreise. In Nürnberg gingen in 67 Jahren Kulturpreisverleihung gerade mal elf an Literat*innen. Der Verlagspreis für unabhängige Verlage beträgt 7.500 Euro und wird nur alle zwei Jahre vergeben. Während das erfolgreich etablierte Fürther Komiker-Duo Heißmann und Rassau für eine Neuinszenierung der Operette „Die lustige Witwe“ 50.000 Euro Förderung erhielten.

Umso wichtiger war, dass der ver.di-Bundesvorsitzende Frank Werneke, ebenfalls am Freitag, im Bundeskanzleramt das Gespräch mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters suchte und sich für eine Notfallhilfe für Selbständige und Kulturschaffende einsetzte. Grütters verkündete daraufhin vollmundig: „Kultur- und Kreativwirtschaft müssen massiv unterstützt werden“. Ein Tag vor den Kommunalwahlen in Bayern. Es bleibt abzuwarten, inwieweit den Worten Taten folgen.

Ein Virus attackiert die schriftstellerische Existenz

In den Theatern trifft es Schauspieler*innen und Autor*innen gleichermaßen. So hat der mittelfränkische Kollege Fitzgerald Kusz Einbußen durch die Absagen der Aufführungen seines mehrfach übersetzten Stückes „Schweig Bub!“. Hinzu kommen abgesagte Lesungen.

Auch meine Kollegin Pauline Füg trifft es hart. Sie ist Schriftstellerin, Performance-Poetin und Dozentin für kreatives Schreiben/Poetry Slam und seit Januar stellvertretende Vorsitzende der ver.di-Regionalgruppe. Bei ihr hagelte es ebenfalls Absagen, die mehrere Tausend Euro Verdienstausfall bedeuten. Unter anderem für Lesungen und Workshops, die sie in Schulen gibt, denn März bis Mai ist bei ihr Hochsaison, in der sie auch das Geld für ihren Lebensunterhalt für die Sommerpause (August/September) verdient. „Einige Termine können voraussichtlich nachgeholt werden“, sagt sie, „allerdings kann ich in den Monaten nach Corona ja nicht doppelt so viele Termine annehmen wie sonst“.

Wie alle Schriftsteller*innen ist sie Organisatorin und Buchhalterin in einem. Planen, verhandeln, kalkulieren. Mit einem knappen Zeitbudget. Denn neben diesen Tätigkeiten schreiben wir an unseren Romanen, Essays, Kurzgeschichten. Und dafür benötigen wir Zeit, viel Zeit, damit das Ergebnis zufriedenstellend ist. Beide haben wir uns auf www.patreon.com eine Seite eingerichtet, auf der man uns unterstützen kann. Gemeinsam hirnen wir über alternative Veranstaltungsformate.

Doppelte Arbeit– bestenfalls

Auch in die Organisation der Lesungen und Workshops haben wir Zeit investiert. Selbst wenn die Veranstaltungen nachgeholt werden, haben wir einen deutlichen Mehraufwand, den uns keine*r ersetzt. Zudem ist es äußerst unwahrscheinlich, dass alles nachgeholt wird.

In einem Berufsfeld, in dem das Einkommen der Kolleginnen* unter dem monatlichen Durchschnittseinkommen liegt, ist das für viele der Ungnadenstoß. Zwar soll es den Hilfsfond geben, doch andere „Wirtschaftsbereiche“ werden voraussichtlich Vorrang haben. Denn für viele Menschen bedeutet ein Leben als Schriftsteller*in keine Arbeit, u. a. „weil sie ja das tun, was Spaß macht“. Zudem schreiben immer mehr Menschen, was grundsätzlich zu begrüßen ist. Darunter eben auch einige, die durch ihre Rente, ihren Haupt-/Nebenverdienst nicht auf Honorare angewiesen sind, deshalb sie Lesungen mit sehr geringem Honorar annehmen können und so die Preise drücken.

Die Mitarbeiterin eines SPD-nahen Vereins schrieb mir einmal, sie habe selbst mehrere ehrenamtliche Engagements, wie die meisten von uns. Und sie wünsche sich natürlich, dass gutes Engagement bezahlt oder zumindest besser gewertschätzt würde. Verdammt! Ein Leben als Schriftsteller ist KEIN Ehrenamt, sondern harte Arbeit. Und selbst, wenn es häufig einen Klassenaufstieg hinsichtlich des kulturellen Kapitals bedeutet, weil man sich intensiv mit Philosophie, Geschichte und Literatur auseinandersetzt, bedeutet es doch häufig einen Klassenabstieg hinsichtlich des ökonomischen Kapitals.

Evalution von Einkommensverlusten

Der Schriftsteller*innen-Verband und damit auch wir als Regionalgruppe haben nun unsere Mitglieder aufgefordert, die Einkommensverluste zu dokumentieren. Um Forderungen an die Politik stellen zu können. Und hier zeigt sich wieder einmal, wie wichtig es ist, sich zu organisieren, in einer Gewerkschaft vulgo im Schriftsteller*innen-Verband organisiert zu sein.

Ich muss dieser Tage immer wieder an einen jungen, erfolgreichen Autorenkollegen denken, der eine Mitgliedschaft im VS ablehnte mit der Begründung, er habe ja eine Agentin, die ihn in Rechtsfragen unterstützen würde. Natürlich unterstützt eine Agentin bei Verhandlungen mit dem Verlag usw.usf. Doch wird sie wie derzeit nicht an die Ministerien, Städte, Veranstalter*innen herantreten und konkrete Forderungen für ausgefallene Honorare stellen.

Der Bundesvorstand des VS hat umgehend eine Handreichung für die Unterstützung selbständiger und freier Kulturschaffender veröffentlicht. Sie geben darin wichtige Tipps für den Umgang mit Honorarausfällen und finanzieller Not. Nicht nur die praktischen Tipps machen die Lage für die in ihrer Existenz bedrohten Schriftsteller*innen erträglicher, auch das Wissen, nicht alleine zu sein. Denn wir alle müssen unsere Miete zahlen, Essen für uns und gegebenenfalls noch für unsere Kinder kaufen. Und das kann nicht immer nur Buchstabensuppe sein, sonst erleiden wir irgendwann Mangelerscheinungen. Entzugserscheinungen, wie sie vermutlich auch unsere Gesellschaft erleiden wird, nach mehreren Wochen ohne Kultur. Bestenfalls einhergehend mit der Erkenntnis, dass ein Leben ohne Kultur nicht lebenswert ist.

 

Aktualisierung der Redaktion: Informationen und Links zu Hilfen für Künstler*innen und Solo-Selbstständige auf Bundes- und Länderebene werden inzwischen bei ver.di gesammelt und laufend aktualisiert im Netz veröffentlicht.

Ein umfangreicher Beitrag der ver.di-Zeitschrift „Menschen Machen Medien“ befasst sich aktuell mit dem Thema Ohne Einkommen in Zeiten von Corona.

Aktualisierung 2: In einer Pressemitteilung vom 19.03. berichtet der VS Bayern von einer Umfrage unter Mitgliedern. Es heißt darin, Schriftsteller*innen bestreiten „ihren täglichen Lebensunterhalt nicht nur durch Buchverkäufe, sondern zum größeren Teil durch Lesungen, vor allem in Schulen, die keine Ausfallhonorare für ausgefallene Veranstaltungen zahlen“. Nach der in dieser Woche durchgeführten Befragung „beträgt der Umsatzverlust in den Monaten März und April durchschnittlich pro Person mindestens 3.130 Euro. Etwaige Verluste durch geringeren Buchverkauf sind da nicht eingerechnet.“
Durch die Corona-Soforthilfe des bayerischen Staates könnten Liquiditätsengpässe ausgeglichen werden. Doch müssten Schriftsteller*innen „mittelfristig in eine Hilfesystem eingebunden werden, da sonst in Bayern die sowieso prekären Verhältnisse in Armut umkippen“, verlangt der Vorsitzende Arwed Vogel für den VS-Landesvorstand.

Aktualisierung 3: Am 20. März hat auch die Landesregierung in Nordrhein-Westfalen ein Soforthilfeprogramm beschlossen, das auch Hilden für Künstler*innen und Kulturschaffende umfasst. Dazu vermeldet das Landesportal: „Mit einer Soforthilfe in Höhe von zunächst fünf Millionen Euro unterstützt die Landesregierung freischaffende, professionelle Künstlerinnen und Künstler, die durch die Absage von Engagements in finanzielle Engpässe geraten. Sie erhalten eine existenzsichernde Einmalzahlung in Höhe von bis zu 2.000 Euro. Die Soforthilfe kann mittels eines einfachen Formulars bei den zuständigen Bezirksregierungen beantragt werden und muss später nicht zurückgezahlt werden.“ Das schaffe „einen finanziellen Puffer, um die Zeit bis zum Anlaufen der großen Rettungsschirme in Land und Bund bestmöglich zu überbrücken“, sagte Kultur- und Wissenschaftsministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen.

Auch Brandenburgs Landesregierung legt ein Soforthilfeprogramm auf, das sich gezielt an kleine und mittlere Unternehmen sowie Freiberufler richtet. Wie Finanzministerin Katrin Lange und Wirtschaftsminister Jörg Steinbach am 20. März in Potsdam mitteilten, sollen notleidende Unternehmen bis zu 100 Erwerbstätigen unbürokratisch und kurzfristig gestaffelt zwischen 5.000 und 60.000 Euro zur Abwendung einer akuten Existenzgefährdung erhalten können. Diese Soforthilfen sollen nicht als Darlehen, sondern als nicht rückzahlbare Zuschüsse gewährt werden. Anträge können von gewerblichen Unternehmen und selbstständigen Angehörigen der Freien Berufe gestellt werden. Die vollständige Richtlinie werde in den nächsten Tagen auf der Internetseite der brandenburgischen Investitionsbank ILB veröffentlicht.

 

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