Buchpremiere zum Antikriegstag in Hamburg

Als Erscheinungstermin hatte der Hamburger VS bewusst den 1. September gewählt: „Wir haben Wölfe gehört“, das brandneue Lesebuch des Schriftstellerverbandes zum Rechtsradikalismus, wurde am Anti-Kriegstag in der Hansestadt auch öffentlich vorgestellt. Eine Veranstaltung von beklemmender Gegenwärtigkeit.

Bin ich schuld am Rechtsradikalismus? Das ist eine radikale Fragestellung. Antworten geben 37 Autorinnen und Autoren in dem Band „Wir haben Wölfe gehört“. Initiiert wurde das neue Literaturprojekt anlässlich der Hamburger Erklärung der Vielen gegen Rechts 2018 und der Aschaffenburger Antwort 2019. „Demokratie ist nicht verhandelbar“, heißt es in diesem Text, der im Februar auf dem Jubiläumskongress 50 Jahre Verband der Schriftstellerinnen und Schriftsteller in ver.di verabschiedet wurde.

Die Beiträge der nun erschienenen Anthologie beziehen sich auf die gesellschaftliche Verantwortung von Literatur, sie setzen ein Zeichen gegen Ausgrenzung und Diskriminierung. Und nicht zuletzt sind sie spannende Lektüre – ob im Gedicht, im Essay oder in der Erzählung. Der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda schrieb ein Geleitwort: „Die Freiheit, Stellung zu beziehen und Verschiedenheit zu feiern, fordert gerade heute deutlich vernehmbare Stimmen“, heißt es dort.

Buchcover

Imre Török etwa, langjähriger VS-Bundesvorsitzender, klärt uns in Form eines Märchens darüber auf, wie sich rechte Ideologie in der Gesellschaft verbreitet und festsetzt: „Schneewittchen, das Gehirn und das Gift“. Pilar Baumeister führt „Gespräche mit dem unbekannten Schöpfer der kleinen Malvisi“ über das unwerte Leben unter rechter Herrschaft. Oder Arie Goral Sternheim, nach dem Krieg aus Palästina in seine Heimatstadt zurückgekehrt, schildert uns in seinem „Hamburger Traum“, einem Text aus dem Nachlass, sarkastisch und urkomisch, wie seine Ankunft an Elbe und Alster verlief. Sein erstes Nachtlager findet Arie in einem Postschließfach. Das ist magischer Realismus, geschrieben in einer Zeit, die den Begriff noch gar nicht kannte.

Die Dreifaltigkeitskirche im Stadtteil Hamm bot am 1. September den mahnenden Rahmen für eine Lesung aus der Anthologie. Krieg und Gewalt sind die letzten Konsequenzen einer rechten, nationalistischen Ideologie. Die Kirche selbst ist ein Opfer des Krieges gewesen, sie wurde 1943 beim Hamburger Feuersturm zerstört und 1957 wieder aufgebaut. Es ging den Veranstaltern aber nicht nur um das Gedenken, wichtiger war der Bezug zu Gegenwart und Zukunft.

Angelika Oppenheimer (Reflexionen über ihre Herkunft aus einer jüdischen Familie), Margret Silvester (wie eine Geburtstagsfeier aus dem rechten Rahmen läuft), Jakob Krajewski (Statt Schuldkult: Erinnerungskulturen und die Genese kindlicher Ästhetik des Widerstandes) und weitere Autor*innen präsentierten ihre Beiträge. Die Moderation hatte Sven j. Olsson, Mitherausgeber und zugleich Mitglied im Bundesvorstand des VS. Die Zukunft, in Gestalt seines kleinen Sohnes Max, hielt er dabei auf dem Arm.

Die Gegenwart war auf der Veranstaltung auch sonst fühlbar präsent: Auf den Tag achtzig Jahre nach dem Überfall auf Polen fanden in Sachsen und Brandenburg Landtagswahlen statt, auf denen die rechte AfD fast ein Viertel der Stimmen auf sich vereinigen konnte. Ein halbes hundert Hörer*innen in der Dreifaltigkeitskirche waren bewegt von dem Gedankenaustausch in einer Situation, der man nicht sprachlos gegenübertreten darf.


Reimer Boy Eilers. Emina Kamber, Esther Kaufmann und Sven j. Olsson: Wir haben Wölfe gehört. Ein Lesebuch des VS Hamburg, Kulturmaschinen Verlag, Hamburg 2019, 334 S., 18 Euro, ISBN 978-3-96763-000-8

 

 

 

 

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