An der Streikidee scheiden sich noch immer die Geister

Das abschließende Podium mit Fitzel, Wildenhain, Fürstenberg und Pfeiffer (v.l.n.r.)
Foto: Nehrlich

„Können Schriftsteller*innen streiken?“ war die Frage. Vor 50 Jahren erstmals erwogen, fällt die Antwort scheinbar noch immer so negativ wie unbefriedigend aus. Auch um die aktuelle Arbeits- und Lebenssituation sollte es in einer Veranstaltung gehen, die der VS Berlin am Vorabend des 50. Verbands-Jubiläums in Kooperation mit dem Literaturforum im Brecht-Haus organisierte. Gute Idee, fanden etliche Interessierte, denen ihre Teilnahme am Pfingstfreitagabend sogar ein Eintrittsgeld wert war.

Es begann vielversprechend. Heinrich Bleicher-Nagelsmann, langjähriger ver.di-Verantwortlicher für die Kunstfachgruppen, hielt einen gehaltvollen Vortag „Zur Entstehung und Geschichte des Verbandes deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS)“, in dem er auch erklärte, wie es zu der „Streikidee“ kam.

Heinrich Bleicher-Nagelsmann beim Vortrag.
Foto: Nehrlich

Heinrich Böll hatte sie in seiner bekannten Rede vom „Ende der Bescheidenheit“ auf dem Gründungskongress am 8. Juni 1969 aufgebracht, freilich mit der sofortigen Einschränkung, „dass 99 Prozent der freien Schriftsteller einen Streik nicht einmal für zwei oder drei Monate durchhalten könnten“. Doch lud der Altmeister ein, „einen Augenblick lang zu träumen, sich vorzustellen, alle Autoren, Übersetzer, Kritiker, Lektoren, Bearbeiter, die vielen scheinbar freien Mitarbeiter dieser Riesenindustrie würden ein Jahr lang – nicht aufhören zu schreiben, sondern ein Jahr lang ihre merkwürdigen Sozialprodukte der Gesellschaft vorenthalten: was würde aus dem Fernsehen, dem Rundfunk, den Feuilletons, der Buchmesse, aus diesem Riesenzirkus, dem sogenannten Weihnachtsgeschäft? Träumen Sie diesen Traum einmal international, oder wenigstens europäisch, dann erst wird ihnen klar, welche Mammutindustrie wir füttern, eine Industrie, die uns ihre Bedingungen diktiert.“ An dieser „verschleierten“ (Böll) Ausbeutungssituation, habe sich, so Bleicher-Nagelsmann, bis heute kaum etwas geändert – abgesehen davon, dass die verwertende „Großindustrie“ – damals fünf maßgebliche Konzerne – inzwischen von Digitalriesen wie Google, Amazon oder Facebook geprägt werde und selbst größere Verlage oder Sender gegen diese Konkurrenz kaum ankommen. Böll schlug seinerzeit ein „Zwölf-Punkte-Programm“ des VS vor, dessen Forderungen in der Zwischenzeit weitgehend durchgesetzt sind – auch dank der Anbindung an eine DGB-Gewerkschaft. Das führte den Referenten zu dem Schluss: „Blickt man auf die Errungenschaften des VS zurück, so muss man aber feststellen, dass sowohl der Einfluss und die Handlungsfähigkeit auf die entscheidende Gesetzgebung in der Bundesrepublik als auch zunehmend auf europäischer Ebene nicht ohne die Unterstützung der großen Gewerkschaft erfolgreich geleistet werden kann. Insoweit bestätigt sich aus meiner Sicht, dass der Schritt des VS in den siebziger Jahren der Gewerkschaft beizutreten, durchaus eine richtige und auch noch für heute zutreffende Entscheidung ist.“

Hinein oder heraus aus der Sackgasse?

Soweit, so klar. Welche Wünsche und Forderungen offen blieben, ob das gewerkschaftliche Dach noch zeitgemäß ist, welche Veränderungen angepackt werden müssten, sollte Gegenstand nachfolgender Debatten sein. Die erste, ein Gespräch zwischen dem Referenten und Michael Wildenhain, dem Berliner VS-Vorsitzenden, trug wenig Erhellendes bei. Die Streikidee sei eine „Chimäre, bei uns vollkommen hoffnungslos“ so der Landesvorsitzende, der monierte, dass auch von den Schriftsteller*innen regelmäßig acht Prozent der Beiträge in den ver.di-Streikfonds wanderten. Insgesamt sah er die Ideen der Gründungsväter zur Verbesserung der Berufs- und Honorarbedingungen eher „in der Sackgasse“.

Diese Haltung drückte er auch der nachfolgenden Podiumsdebatte auf, in der Moderator Tomas Fitzel und die VS-Mitglieder Paula Fürstenberg (Berlin) und Mara Pfeiffer (Wiesbaden) sich redlich mühten, gegen die Missstimmung anzureden und konstruktive Vorschläge zu machen.

Paula Fürstenberg verteidigte die solidarische Idee.
Foto: Nehrlich

Fürstenberg bezeichnete sich als „Fan der solidarischen Idee“ und sah auch heute im VS und anderen Netzwerkstrukturen einen großen „Bedarf, sich gegenseitig auszutauschen“ und gegen den „neoliberalen Kontext, dass der Markt ist, wie er ist“ anzugehen. Da gäbe es „viel Luft nach oben, was man gemeinsam tun kann“. Pfeiffer ging es um mehr gesellschaftliche Anerkennung dafür, dass von Kreativen und speziell Schriftstellern „etwas geleistet wird“. Um Honorarbedingungen zu verbessern, müsse man „an die Veranstalter heran, zum Beispiel Volkshochschulen“. Paula Fürstenberg formulierte als „Wunsch“ die Idee, vielleicht doch einmal gemeinsam „etwas Streikähnliches zu organisieren“. Sie hatte dabei die Lesehonorare für Autor*innen im Blick und schlug eine Verabredung vor, drei Monate lang nicht unter dem Mindestsatz des VS zu lesen.

Mara Pfeiffer vom hessischen VS will weiter Arbeitskämpfe führen.
Foto: Nehrlich

Statt diese Anregung aufzugreifen, schien sich der Berliner Vorsitzende eher mit einem Publikumsdiskutanten zu solidarisieren, der mittels eines Pseudo-Streikaufrufes der Gewerkschaft die von den Schriftsteller*innen eingezahlten Mittel aus dem ver.di-Streikfonds zurückzuholen trachtete. Peinlich. Insgesamt ein Exempel, wie ein destruktiver, kaum vorbereiteter und unfähiger Gastgeber aus guten Zutaten ein weitgehend ungenießbares Gericht entstehen lassen kann. Das Glas Jubiläumswein reichte längst nicht, den Ärger hinunterzuspülen. Die meisten Zuhörer dürften – wie die Berichterstatterin – das Brecht-Haus sehr unzufrieden verlassen haben.

Die Rede von Heinrich Bleicher-Nagelsmann kann hier nachgelesen oder als pdf. heruntergeladen werden.

 

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